Menschen wollen Systemwandel – aber trauen der Politik nicht zu, etwas zu verändern


Weltweite Umfrage

Menschen wollen Systemwandel – aber trauen der Politik nicht zu, etwas zu verändern

Eine große Mehrheit glaubt, dass das Wirtschaftssystem die Reichen und Mächtigen begünstigt. 40 Prozent würden einen "starken Führer" ohne Parlament und Wahlen bevorzugen

Karin Krichmayr

Eine Gruppe von Demonstrierenden hält ein großes blaues Banner mit der Aufschrift „Zeit, dass sich was dreht!“ in pinker Schrift, auf dem auch eine stilisierte Sanduhr abgebildet ist. Im Hintergrund sind weitere Demonstrierende mit Plakaten und Flaggen zu sehen sowie Gebäude in Berlin.
Am Wochenende demonstrierten in Berlin zahlreiche Menschen gegen die AfD – nach den starken Resultaten in Sachsen-Anhalt stehen in einer Woche die Wahlen in Berlin an. Laut der aktuellen Umfrage plädieren in Deutschland 29 Prozent für einen "starken Führer".

Selten sind sich Menschen aus verschiedenen Ländern rund um den Globus, aus unterschiedlichen Einkommensschichten und politischen Lagern so einig wie in dieser Einschätzung: Das Wirtschaftssystem basiert auf Ungerechtigkeit und die politischen Institutionen sind ausgehöhlter denn je.

Zu diesem Schluss kommt eine Umfrage der Initiative Earth4All, für die das Meinungsforschungsinstitut Ipsos zwischen Ende Februar und Anfang März 2026 mehr als 13.500 Menschen in 17 der größten Volkswirtschaften der Welt befragt hat – darunter Deutschland, die USA, Brasilien, Indien und Japan. Die Befragung richtete sich an Menschen in den G-20-Staaten inklusive Schweden, ausgenommen wurden China, Saudi-Arabien und Russland. Österreich war nicht Teil der Erhebung.

70 Prozent der Befragten sagen, es gebe in ihrem Land zu viel wirtschaftliche Ungleichheit. 65 Prozent glauben, das System sei zugunsten der Reichen und Mächtigen manipuliert. Und 69 Prozent wollen eine grundlegende Änderung der Wirtschaftsordnung – eine Meinung, der nur acht Prozent widersprechen, wie aus dem Report Rebuild Trust hervorgeht. Es ist die dritte Umfrage dieser Art, die Earth4All seit 2021 durchführen lässt. Die Initiative wurde vom Club of Rome, dem Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, dem Stockholm Resilience Centre und der Norwegian Business School ins Leben gerufen.

Pessimistisches Frankreich

Parallel zu dem Bedürfnis nach einem tiefgreifenden Wandel sinkt allerdings das Vertrauen in die Regierungen, die nötigen Maßnahmen auch umzusetzen: Nur 31 Prozent glauben, dass ihre Regierung Entscheidungen treffen wird, die der Mehrheit der Menschen in zwanzig oder dreißig Jahren zugutekommen werden. 2024 waren es in einer vergleichbaren Erhebung noch 39 Prozent gewesen.

Auffällig ist, dass sich der größte Vertrauensverlust in die eigene Regierung ausgerechnet in etablierten, wohlhabenden Demokratien zeigt. Besonders Frankreich sticht hervor: Nur 13 Prozent der Menschen sind der Meinung, dass der Staat langfristig im Interesse der Mehrheit handelt – der niedrigste Wert im gesamten Bericht. Danach folgen Deutschland, Großbritannien und Japan mit jeweils 19 und Italien mit 22 Prozent. Deutlich höher ist das Vertrauen in die Politik dagegen in Indien (59 Prozent), das die Autoren als "elektorale Autokratie" einstufen, sowie in Indonesien (40 Prozent), der Türkei (39 Prozent) und Argentinien (39 Prozent).

"Menschen quer durch das gesamte Einkommensspektrum, in einem Land nach dem anderen, sind zur selben Diagnose gelangt: dass das System manipuliert ist und die Ungleichheit zu weit gegangen ist", sagt Kate Pickett, Mitautorin des Berichts von der University of York. Der Vertrauensverlust sei beunruhigend: "Wenn die Menschen aufhören zu glauben, dass ihre Regierung langfristig in ihrem Interesse handeln wird, untergräbt dies das Gefühl einer gemeinsamen Zukunft, auf das gesunde Gesellschaften angewiesen sind."

Ruf nach autoritärer Führung

Immer mehr in Frage gestellt wird auch das Konzept der Demokratie an sich: Über alle 17 Länder hinweg stimmen 40 Prozent der Befragten der Aussage zu, ihr Land wäre mit einem "starken Führer", der sich nicht um Parlament und Wahlen kümmern muss, besser dran. Gleichzeitig sagen, direkt danach gefragt, durch die Bank 68 Prozent, eine Demokratie mit freien Wahlen sei die beste Regierungsform. 2024 waren es allerdings noch 81 Prozent gewesen, wenn auch bei leicht veränderter Fragestellung.

Am stärksten ist der Wunsch nach einem "starken Führer" in Indonesien ausgeprägt. In der drittgrößten Demokratie (hinter Indien und den USA), die sich ebenso wie Indien zu einer Wahl-Autokratie entwickelt, gibt es 77 Prozent Zustimmung – ein dramatischer Anstieg gegenüber nur 24 Prozent im Jahr 2024. Es folgen Indien, Südafrika und Brasilien. Deutschland liegt mit 29 Prozent Zustimmung gleichauf mit Großbritannien. Am wenigsten Verlangen nach starker Führung gibt es in Schweden (21 Prozent), Kanada (25 Prozent) und den USA (26 Prozent).

Dabei seien es dem Bericht zufolge keineswegs lediglich desillusionierte Menschen und wirtschaftlich abgehängte Bevölkerungsgruppen, die einen Hang zu autoritärer Führung zeigen. Die Frustration reiche offenbar bis in die wohlhabende Mitte der Gesellschaften und quer durch alle Altersgruppen. Unter Menschen mit hohem Haushaltseinkommen war die Zustimmung zu einem starken Führer mit 47 Prozent sogar stärker als unter Menschen mit geringem Einkommen (35 Prozent Zustimmung).

Widersprüchliche USA

Die Befragung bestätigte auch weltweite Tendenzen zur Polarisierung innerhalb von Gesellschaften. Rund zwei Drittel geben an, dass ihr Land stärker gespalten ist als noch vor einem Jahrzehnt. Auch hier ist Frankreich mit 82 Prozent Zustimmung Spitzenreiter aller untersuchten Länder, es folgen Großbritannien (80 Prozent), Deutschland (79 Prozent) und Schweden (78 Prozent) – allesamt auffallend reiche Länder mit starken Sozialsystemen. Dabei stehen nach Ansicht der Befragten Spannungen zwischen Anhängern verschiedener politischer Parteien, zwischen Menschen mit hohem und niedrigem Einkommen und zwischen Einwanderern und Einheimischen im Vordergrund, aber auch zwischen jenen, die wegen des Klimawandels besorgt sind, und Klimawandelskeptikern.

Widersprüchlich zeigen sich die USA: Das Land verzeichnet einen der höchsten Werte bei wahrgenommener Spaltung und Parteienfeindschaft, gleichzeitig aber eine der niedrigsten Zustimmungsraten zur Aussage, es gebe zu viel Ungleichheit im Land (62 Prozent) – obwohl die USA laut Bericht die höchste gemessene Einkommensungleichheit unter den untersuchten wohlhabenden Demokratien aufweisen.

Ein Ausreißer ist auch Japan: Hier glauben die wenigsten (55 Prozent) an ein manipuliertes Wirtschaftssystem, das den Reichen und Mächtigen nützt, ebenso empfinden die japanischen Befragten am wenigsten, dass ihr Land gespalten ist (46 Prozent). Trotzdem gibt es mit 46 Prozent eine überraschend hohe Zustimmung zu einem "starken Führer" – vor allem im Vergleich mit anderen reichen Ländern.

In Indien wiederum fällt auf, dass es hier die höchste Zustimmung (71 Prozent) bei der Frage gibt, ob die eigene Regierung entschlossene Maßnahmen zur Reduzierung der Treibhausgasemissionen ergreifen sollte, um die Menschen vor dem Klimawandel zu schützen, auch wenn dies zu höheren Preisen führt. Es folgen Indonesien, Südafrika und die Türkei, Schlusslicht ist auch hier Japan (36 Prozent), gefolgt von Kanada und Deutschland.

"Neuer Gesellschaftsvertrag"

Die Umfrage verdeutliche vor allem eine Kluft, die man bereits seit mehreren Jahren beobachten könne. "Die Öffentlichkeit wünscht sich einen systemischen wirtschaftlichen Wandel, doch die Mainstream-Politik versäumt es immer wieder, diesen anzubieten", schließt Owen Gaffney, Mitautor und Vorsitzender von Earth4All. "Wenn diese Kluft nicht geschlossen wird, wird sie von wem auch immer gefüllt, der bereit ist, radikale Veränderungen zu versprechen."

Die Autoren plädieren für einen "neuen Gesellschaftsvertrag", der das Ausmaß des von den Bürgerinnen und Bürgern geforderten Wandels ernst nimmt und ihn auf demokratischem Weg umsetzt. Trotz der starken Polarisierung und des Aufwinds für populistische Führungsfiguren würden die Daten auch ein hoffnungsvolles Bild vermitteln – etwa die Einigkeit darüber, dass es zu viel Ungleichheit gibt. Nur durch eine glaubwürdige Perspektive, dass sich das Leben der Mehrheit verbessern wird, könne eine Gesellschaft wieder langfristig Vertrauen aufbauen. Bis dahin gibt es jedenfalls viel zu tun. (Karin Krichmayr, 14.9.2026)

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