Mobilitätsdezernent Schwander will keinen Freifahrtschein für Autofahrer


Stand: 07.09.2026, 06:00 Uhr

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Yannik Schwander, neuer Dezernent für Verkehr, Mobilität und Logistik, Frankfurt am Main. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann Schwander ein Direktmandat im Wahlkreis Frankfurt/Main 1, das er aufgrund des reformierten Wahlgesetzes nicht ausüben durfte.

Die Station Hauptwache und alle anderen im Frankfurter U-Bahn-Netz sind jetzt sein Büro: Yannik Schwander (CDU), neuer Dezernent für Verkehr, Mobilität und Logistik. © Bernd Hartung/Foto: Bernd Hartung

Der neue Frankfurter Mobilitätsdezernent Yannick Schwander (CDU) kündigt einen Politikwechsel an – und wird Befürworter des Autoverkehrs trotzdem enttäuschen müssen.

Frankfurt – Auf dem Weg zum U-Bahnsteig der U6 und U7 an der Hauptwache spricht ein Mann Yannick Schwander (CDU) an. Wer er denn sei, dass Fotos von ihm gemacht würden. Dann hat er gleich einen Ratschlag für den neuen Mobilitätsdezernenten der Stadt. Den U-Bahn-Takt verbessern, und außerdem alles besser machen als die Vorgänger. Schwander lacht. Er will sich Mühe geben.

Yannik Schwander, neuer Dezernent für Verkehr, Mobilität und Logistik, Frankfurt am Main. Bei der Bundestagswahl 2025 gewann Schwander ein Direktmandat im Wahlkreis Frankfurt/Main 1, das er aufgrund des reformierten Wahlgesetzes nicht ausüben durfte.

Yannik Schwander im Gespräch mit Redakteurin Julika Wolf © Bernd Hartung/Foto: Bernd Hartung

Herr Schwander, wir sitzen hier an der Hauptwache. Das ist jetzt Ihr Aufgabenbereich. Wie fühlt sich das an?

Es ist ein bisschen verrückt, weil ich immer selbstverständlich U-Bahn gefahren bin. An der Hauptwache bin ich umgestiegen, wenn ich nach Bockenheim zur Uni musste. Jetzt dort zu stehen und zu wissen: Alles, was hier gemacht wird, geht über meinen Schreibtisch, ist eine spannende, aber auch sehr ehrenvolle Angelegenheit.

Wie kommen Sie aus Ihrer Heimat Nieder-Erlenbach zum Dezernat in der Innenstadt?

Von dort aus geht es mit dem Auto immer noch am schnellsten. Ich nutze grundsätzlich aber verschiedene Verkehrsmittel. Gestern bin ich mit dem Dienstrad zu einem Termin gefahren, davon haben wir im Dezernatsbüro zwei. Ich bin passionierter Läufer, deshalb mache ich vieles gerne zu Fuß, und den ÖPNV nutze ich zum Beispiel, wenn es am Wochenende zu Veranstaltungen geht.

Die CDU hat im Wahlkampf einen Politikwechsel versprochen, gerade beim Thema Mobilität. Spüren Sie Druck, das durchzusetzen?

Ja, aber das muss auch so sein. In der Verkehrspolitik gibt es unfassbare Zerrbilder und Extrempositionen. Die Kontroversen, die wir in den letzten Jahren hatten, löst man nur, wenn man miteinander spricht statt übereinander.

So kontrovers, wie die Mobilität im Wahlkampf diskutiert wurde, scheinen die Handlungsoptionen gar nicht zu sein.

Bis zum 15. März galt das Wahlprogramm der CDU Frankfurt, jetzt gibt es aber einen Koalitionsvertrag. Dass darin viele Punkte aus dem Wahlprogramm stehen, erleichtert mir die Arbeit. Trotzdem müssen wir nun abwägen und gemeinsam mit unseren Partnern Lösungen finden. Deshalb ist für mich das Stichwort für die nächsten Jahre „pragmatische Verkehrspolitik“. Ich habe schon in den Koalitionsverhandlungen gemerkt: So viele Unterschiede gibt es am Ende gar nicht. 80 Prozent der Ansichten in der Verkehrspolitik teilen wir.

Werden Sie diejenigen, die nun auf einen Freifahrtschein für Autos hoffen, also enttäuschen müssen?

Bestimmt. Jede Maßnahme wird Befürworter und Kritiker haben. Aber ich glaube schon, dass uns das Ziel eint, eine gewisse Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu haben. Wir haben in diesem Sommer erlebt, wie heiß es werden kann, zur Aufenthaltsqualität gehören also auch Beschattung und Begrünung. Wenn all das durch die vielen Autos beeinträchtigt wird, ist das schon ein Thema. Es geht aber generell nie um Freifahrtscheine für irgendjemanden.

Wo steht dann der Politikwechsel im Koalitionsvertrag?

Wir wollen alle Verkehrsteilnehmer mitdenken. Deshalb erwähnen wir auch, dass Menschen mit dem Auto nach Frankfurt kommen und eine gute Infrastruktur brauchen – in den letzten Jahren hatte man das Gefühl, das Auto soll nicht mehr vorkommen. Wir haben aber mehr als 400.000 Einpendler jeden Tag, die wir für eine gute Wirtschaft brauchen, und die meisten fahren mit dem Auto. Sie würden vielleicht umsteigen, wenn es ein gutes Angebot gäbe. Aber wir müssen erst Anreize schaffen, bevor wir die Leute mit Verboten aus der Stadt heraushalten.

Was wären konkrete Anreize dafür, dass Leute nicht mehr mit dem Auto in die Stadt kommen?

Der Schlüssel ist für mich der ÖPNV. Da geht es auch voran, zum Beispiel bei der U5 ins Europaviertel, der U4 nach Ginnheim und der Regionaltangente West. Wir müssen es schaffen, den ÖPNV so auszubauen, dass die Leute am Stadtrand vor der Haustür einsteigen können. Wenn sie das nicht können, brauchen wir Park-and-Ride-Plätze.

Werden Sie als ersten Pressetermin einen Radweg zurückbauen?

Es wird wahrscheinlich nicht der erste Termin sein (lacht). Ich glaube aber, wir werden schon hier und da einen Radweg zurücknehmen müssen, wenn wir dort einen Engpass haben. Gerade auch für den Wirtschaftsverkehr.

Der Wirtschaftsverkehr ist Ihnen besonders wichtig?

Ja, deshalb habe ich das Wort „Logistik“ auch in den Dezernatstitel aufgenommen. Wir leben von Gewerbesteuereinnahmen. Wenn wir die Wirtschaft beschneiden, kommen wir in ganz unruhige Fahrwasser. Deshalb ist Verkehrspolitik auch Wirtschaftspolitik.

Viele Menschen beschweren sich über die Baustellen in Frankfurt. Was haben Sie da vor?

Der Schlüssel ist die Kommunikation. Wenn relativ früh ein Schild dasteht, beispielsweise mit der Info „Hier baut die Mainova ihre Fernwärme“, holt man schon viele Leute ab. Mit Zeitangaben bin ich immer vorsichtig, weil die schnell überholt sind, aber ein QR-Code mit mehr Informationen und eine Mail-Adresse, an die man sich wenden kann, sollten dort stehen. Wir müssen Anwohner, Ortsbeiräte und Unternehmen früher informieren. Und Baustellen letztlich besser koordinieren. Wenn man eine Hauptstraße aufreißt, ist schon die Frage, ob auf der Parallelstraße wirklich im gleichen Zeitraum gebaut werden muss. Das ist schwierig, weil in Frankfurt sehr viel gebaut wird. Aber wenn städtische Ämter, Mainova und Netzwerke Rhein-Main einem Kommunikations- und Koordinationsleitfaden folgen, haben wir schon sehr viel geschafft. Und das wird passieren.

Das hatte Ihr Vorgänger auch schon angestoßen.

Genau, da gibt es Vorbereitungen, die noch nicht abgeschlossen sind. Deshalb bin ich froh, dass ich mich hier noch einbringen kann.

Die Gesellschaft wird immer rücksichtsloser, das merkt man auch im Verkehr. Nehmen Sie das auch wahr, und sehen Sie Handlungsspielraum im Dezernat?

Ja, ich spüre das auch – und es betrifft alle Verkehrsmittel. Es vergeht kein Tag, an dem ich nicht mindestens einen E-Scooter mit zwei oder drei Personen darauf sehe. Auch Fahrräder, die über rote Ampeln fahren, oder Autofahrer, die die Kreuzung zustellen oder Radwege zuparken. Die Regeln müssen eingehalten und kontrolliert werden. Wir wollen deshalb gemeinsame Kontrollen von Stadt- und Verkehrspolizei, teilweise muss auch die Landespolizei mit ins Boot.

Dafür braucht es Personal, das händeringend und oft vergeblich gesucht wird.

Deshalb ist es gut, dass wir für den ruhenden Verkehr bald Scan-Cars einsetzen können, die Kapazitäten freisetzen.

Woran werden die Frankfurter merken, dass sie einen Mobilitätsdezernenten aus Nieder-Erlenbach haben?

In den letzten Jahren wurde, nach meinem Gefühl, Verkehrspolitik in den Grenzen des Alleenrings gemacht. Wir müssen den Verkehr am Stadtrand auffangen, wo er entsteht. Gerade in den äußersten Rändern, wo nicht so viel ÖPNV vorhanden ist und auch Radwege Lücken aufweisen. Außerdem möchte ich anders auf die Region zugehen, gemeinsam agieren und nicht so sehr von oben herab daherkommen.

Wird der Politikwechsel sich in der Aufstellung des Dezernats niederschlagen?

Ich habe einige Referenten übernommen, weil sie einfach Experten auf ihrem Gebiet sind. Einige Stellen habe ich aber auch neubesetzt. Zum Beispiel arbeitet bald ein Bauingenieur an der Spiegelstelle des Amtes für Straßenbau und Erschließung, der verkehrspolitisch ähnliche Vorstellungen hat wie ich und aus der Region kommt. Ich wäre aber falsch beraten gewesen, alles neu zu besetzen – dann hätte das Dezernatsbüro erst einmal stillgestanden.

Beobachter waren davon ausgegangen, dass Frank Nagel Mobilitätsdezernent werden würde, weil er seit vielen Jahren in dem Thema arbeitet und mobilitätspolitischer Sprecher der CDU ist. Sie sind von Beruf Pressesprecher und haben sich für die CDU bisher vor allem um Umweltthemen gekümmert. Warum fiel die Wahl auf Sie?

Frank Nagel steht mit Rat und Tat zur Verfügung, wenn ich ihn brauche. Dafür bin ich wirklich dankbar. Ich glaube aber auch, dass es nicht darum geht, die Themen bis aufs letzte Detail zu kennen – dafür gibt es die Experten im Dezernat. Es ist eher wichtig, das Ganze politisch zu führen und strategisch zu denken. Und außerdem stellt sich mir die Frage, aus welcher Branche der Dezernent dann kommen sollte – vom ADAC, dem ADFC oder aus dem ÖPNV?

Was steht als Erstes an?

Vieles. Wenn ich einen Aspekt herauspicken muss, wäre das die Baustellenkoordination. Außerdem ist das Thema Sondernutzungssatzung gerade aufgepoppt.

Also die Problematik rund um die Außengastronomie, die vor allem die Gastronomen in der Kaiserstraße bemängeln?

Genau. Das werden wir dezernatsübergreifend angehen. Und natürlich werden wir uns anschauen, welche Maßnahmen wir bei der Aufteilung von Rad-, Auto- und Fußverkehr schnell umsetzen können.

Zur Person

Yannick Schwander ist 38 Jahre alt und kommt aus dem nördlichsten Stadtteil Frankfurts, Nieder-Erlenbach, wo er zehn Jahre lang Ortsvorsteher war. Stadtverordneter ist er seit 2021, zuletzt war er im Umweltausschuss tätig. Bis zu seinem neuen Job als Dezernent war er gut zehn Jahre lang Pressesprecher der Stadt Bad Vilbel. 2025 trat Schwander als Direktkandidat für den Bundestag an, konnte das Mandat aufgrund des neuen Wahlrechts aber nicht antreten. Er ist verheiratet und hat zwei Kinder.