PV-Anlagen entlang der Autobahn: Bürgerin sieht Pläne als „absolute Frechheit“


Stand: 07.09.2026, 06:00 Uhr

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Infoveranstaltung der Stadt Gudensberg zu Freiflächen Photovoltaik-Anlagen

Freiflächen-Photovoltaik-Anlagen an der A49: Die Stadt Gudensberg zeigte bei einer Infoveranstaltung mithilfe von KI, wie ein solches Vorhaben aussehen könnte. © Foto: Stadt Gudensberg

Entlang der A49 bei Gudensberg sollen Solaranlagen auf mehr als 100 Hektar entstehen. Eine Anwohnerin kritisiert, künftig zusätzlich zum Autobahn-Lärm auf die Module blicken zu müssen.

Gudensberg – Die geplanten Freiflächen-Photovoltaikanlagen auf mehr als 100 Hektar entlang der A49 bei Gudensberg, Dorla und Dissen sorgen weiter für Diskussionen. Bei einer Informationsveranstaltung der Stadt Gudensberg trafen die vom Projektentwickler BLG aus Istha hervorgehobenen Chancen für Energiewende und Region auf Bedenken der Bürger – insbesondere wegen des Verlustes wertvoller Ackerflächen und des fehlenden Lärmschutzes. Das Bürgerhaus war gut gefüllt. „Die Veranstaltung ist keine Genehmigungsverhandlung und keine abschließende Bewertung des Projektes, sondern soll informieren und den Dialog ermöglichen“, stellte Bürgermeisterin Sina Massow zu Beginn der Veranstaltung klar.

Einen Einblick in das Genehmigungsverfahren gab Gerhard Reuter, Fachbereichsleiter Bauen und Umwelt des Schwalm-Eder-Kreises. Voraussetzung für die Beteiligung der Fachbehörden seien vollständige Unterlagen. Geprüft würden unter anderem Erschließung und Brandschutz, Natur- und Artenschutz sowie die Belange von Landwirtschaft und Boden. Eine kritische Stellungnahme bedeute dabei nicht automatisch das Aus: Unterlagen könnten ergänzt, Gutachten nachgefordert oder Auflagen festgelegt werden. Gerade bei PV-Anlagen sei die Abwägung verschiedener öffentlicher Belange anspruchsvoll. „Am Ende muss eine rechtssichere Entscheidung stehen“, sagte er.

Die BLG stellte das Projekt als regional verankertes Vorhaben vor. „Die Anlagen werden gemeinsam mit örtlichen Landwirten und Flächeneigentümern entwickelt“, sagte Geschäftsführer Christoph Lübcke. Projektleiter Julian Bolz bezifferte die geplante Gesamtfläche auf rund 101 Hektar. Die Anlagen könnten jährlich rund 115.000 Megawattstunden Strom erzeugen – rechnerisch genug für etwa 43.000 Haushalte – und rund 51.600 Tonnen CO₂ einsparen.

In Dissen sei die Planung angepasst worden: Der Abstand zur Ortslage wurde auf rund 230 Meter vergrößert, etwa zehn Hektar sollen dort weiter landwirtschaftlich genutzt werden. Aus dem Publikum kam zudem die Frage, warum für die Stromerzeugung nicht stärker vorhandene Dachflächen genutzt würden. Lübcke verwies auf Berechnungen der BLG, wonach deren noch verfügbares Potenzial nicht ausreiche, um den angenommenen künftigen Strombedarf zu decken.

Die Vorgeschichte

2024 hatte sich die Stadtverordnetenversammlung dafür ausgesprochen, die vorgesehenen PV-Flächen um rund 31,64 Hektar zu reduzieren, sagte Bürgermeisterin Sina Massow. „Inzwischen hat sich die rechtliche Ausgangslage jedoch verändert“, sagt sie. Anlagen innerhalb eines 200-Meter-Korridors entlang von Autobahnen können privilegiert zulässig sein. Die Stadt ist dabei nicht Genehmigungsbehörde, sondern wird im Verfahren beteiligt. Massow zeigte zugleich mögliche Vorteile auf: Neben einem Beitrag zur Energiewende könnten regionale Wertschöpfung und zusätzliche Einnahmen für die Kommune entstehen. Einen Bauantrag gebe es derzeit nur für Dorla. Zum Thema Lärmschutz sagte sie: „Die Autobahn GmbH hat uns Ende Juli mitgeteilt, dass eine direkte Verknüpfung privater PV-Anlagen mit Lärmschutzmaßnahmen an der A49 derzeit nicht vorgesehen ist.“ Die Stadt wolle dennoch die Möglichkeiten für eine Kombination aus Photovoltaik und Lärmschutz weiter prüfen.

Bolz zufolge sollen die Modultische auf in den Boden gerammten Pfosten befestigt werden; unter und zwischen den Modulreihen sei extensives Grünland vorgesehen. Dies könne auch die Insektenvielfalt erhöhen. Geplant seien zudem Großstromspeicher für überschüssigen Solarstrom. Eine weitere Bürgerbeteiligung, etwa über eine Energiegenossenschaft, solle nach der Genehmigung konkretisiert werden.

Deutliche Kritik kam aus dem Publikum. Eine Anwohnerin beklagte, bereits täglich mit der A49 leben zu müssen und künftig zusätzlich auf PV-Anlagen zu blicken. Sie bezeichnete dies als „absolute Frechheit“.

Norbert Klapp, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, sieht die Entwicklung mit gemischten Gefühlen. Wenn er sehe, welche Flächen für solche Projekte genutzt würden, „blutet einem schon das Herz“. Gleichzeitig könne er die Kollegen verstehen, die diesen Weg gehen. Wenn Eigentümer die Chance darin sähen, „ein zusätzliches Einkommen zu generieren“, sei diese Entscheidung für ihn nachvollziehbar.

Klapp stellte deshalb auch die Frage: „Warum lassen wir das zu, dass Lebensmittel so billig sind, dass es besser ist, auf den Flächen Energie zu produzieren als Lebensmittel?“ Geld zu verdienen, bewertet er dabei nicht grundsätzlich negativ. Für die Akzeptanz sei aber wichtig, dass nicht nur Einzelne profitieren, sondern über Bürgerbeteiligung und kommunale Einnahmen auch etwas bei der Allgemeinheit ankomme. (Annika Beckmann)