Münchner und ihre Viertel: „Nur mit den Füßen voraus" – Warum niemand das Lehel verlässt
Stand: 05.10.2026, 08:00 Uhr
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Ein Softwareentwickler lebt seit 42 Jahren im Lehel – trotz zugiger Altbauwohnung und teurer Supermärkte. Und was eine Bewohnerin in Milbertshofen sagt, erfahren Sie ebenfalls.
München – Altstadt-Lehel: Zwei Schritte aus der U-Bahn-Station Lehel reichen für einem Hauch von Paris. Ein Straßenladen verkauft Blumen, eine Tram rattert vorbei, die Altbaufassaden sind reich verziert. Im Lehel verdienen die Menschen durchschnittlich am meisten, aber: „Es ist trotzdem ein sehr gemischtes Publikum“, sagt Antonio Bernhard Pedrazzini. „Ich kenne auch viele Arbeitssuchende und einige Studenten, die hier leben.“ Der 57-Jährige ist auf dem Weg zum Wochenmarkt am St.‑Anna-Platz – frischen Fisch kaufen. „Das Viertel ist nicht abgehoben“, betont er.
Seit 2003 lebt Pedrazzini hier. „Nur deswegen können wir uns überhaupt die Miete leisten.“ Nur im Jahr 2009 habe es eine leichte Erhöhung gegeben. „Das liegt auch am Zustand unserer Wohnung“, sagt der 57-Jährige, der in einem Altbau im ersten Stock lebt. Die Wohnung mit Parkettboden sei „zugig durch alle Ecken“.
Wegziehen? Nie! „Ich bin seit 42 Jahren mit dem Lehel verbunden.“ Früher ist der Softwareentwickler im Bezirk zur Schule gegangen. „Wer eine Wohnung im Lehel hat, verlässt sie nur mit den Füßen voraus.“ Es gebe viele alteingesessene Läden, und jeder scheint jeden zu kennen. „Viele treffe ich regelmäßig auf dem Markt.“ Im Supermarkt könne es aber schon ein bisserl teurer sein als anderswo in der Stadt.
Milbertshofen-Am Hart: Wir steigen in Milbertshofen aus der U-Bahn. Oben erblicken wir zuerst eine eintönige Hausfassade. E-Roller stehen herum, einige liegen quer über den Gehweg. Ein Zeitungsständer mit eingeschlagener Plastikscheibe ist leer. „Das Viertel ist leider weniger gepflegt als früher“, sagt Angelika Eser. Die 75-jährige Münchnerin lebt seit 1970 in Milbertshofen-Am Hart. Schon als junge Frau ging sie gleich um die Ecke in die Schule.

„Ich habe das Gefühl, dass einige Bewohner wenig Rücksicht nehmen“, sagt sie. In den vergangenen Jahren seien viele neue Menschen in den Stadtbezirk im Norden Münchens gezogen, die Gegend habe sich geändert. Früher sei es gemütlicher hier gewesen, erzählt die Rentnerin. „Ich traue mich nicht mehr, in der Nacht nach Hause zu laufen“, sagt sie. Geschehen sei ihr noch nie etwas, aber sie fühle sich unsicher.
Eser lebt seit Jahren in einer Wohnung zur Miete – alleine. Viele ihrer Nachbarn kennt sie nicht, einzig einen „harten Kern“ aus Alteingesessenen. Wegziehen ist keine Option. „Ich bin zufrieden hier, das Leben ist angenehm und die Nachteile sind aushaltbar.“ Esers Wohnung liegt ganz nahe an der U-Bahn-Station. „Ich bin schnell in der Stadt, die Miete ist günstig. Außerdem gibt es auch in Milbertshofen-Am Hart viele schöne Ecken.“