Hitze: Niedrigwasser & Trockenheit – Wie Deutschland unter der Dürre leidet
KI-Stimme. Info
Der Sommer 2026 ist ein Sommer der Extreme. Im Juni und Juli war es in Westeuropa so heiß wie nie zuvor in diesen Monaten, das meldete am Montag der EU-Klimawandeldienst Copernicus. Gleichzeitig fiel in großen Teilen des Kontinents viel zu wenig Regen. In Frankreich, Spanien, Großbritannien und auch großen Teilen Deutschlands sind die Böden außergewöhnlich trocken. Die Flusssysteme von Elbe, Rhein und Donau führen deutlich weniger Wasser als sie es üblicherweise tun; in den Nachbarländern, etwa an der Seine, sieht es nicht besser aus.
„Die Wurzeln der aktuellen Situation liegen im vergangenen Herbst und Winter.“ Schon da habe es in den Einzugsgebieten der Flüsse viel zu wenig geregnet und in den Bergen geschneit, sagt Jörg Rechenberg, Leiter des Fachgebiets für übergreifende Angelegenheiten von Wasser und Boden beim Umweltbundesamt. Entsprechend sei auch im Frühjahr durch die Schneeschmelze nicht genug Wasser in die Flüsse gekommen. Auch in diesem Frühjahr und Sommer blieb es zu trocken, die Situation verschärfte sich. „Damit es besser wird, muss es in den Einzugsgebieten großflächig und langanhaltend regnen.“
Ausreichend Niederschläge sind allerdings nicht in Sicht. Und die Folgen der Dürre sind längst an vielen Stellen zu spüren. Ein Überblick, was die Trockenheit für verschiedene Bereiche bedeutet:
Auch interessant

Um alle Transporte vom Rhein auf die Straße zu bringen, gibt es nicht genug Lkw und Fahrer
Wirtschaft: Für Unternehmen ist vor allem der Zustand der Flüsse problematisch, denn über Wasserstraßen werden zahlreiche Güter transportiert. Besonders gravierend ist dabei die Situation am Rhein: Dort droht nach Einschätzung des Bundesverbands der Deutschen Binnenschifffahrt eine Situation, in der der Fluss nicht mehr durchgängig befahrbar und so quasi zweigeteilt würde.
Das würde „im Prinzip bedeuten, dass das Binnenschiff als Transportmittel für die Nutzer im Süden komplett ausfällt“, sagt Thomas Puls, Experte für Verkehr und Infrastruktur beim Institut der Deutschen Wirtschaft in Köln. Davon wären große Industriebetriebe betroffen. „Prominentestes Beispiel wäre das BASF-Stammwerk in Ludwigshafen, welches etwa 40 Prozent seiner Gütertransporte per Binnenschiff abwickelt“, sagt Puls. Aber die Auswirkungen würden sich bis nach Straßburg und in den Neckarraum ziehen.

Blick auf die Rheinbrücke bei Bendorf: Der Rhein verzeichnet historische Niedrigwasserstände.© picture alliance/dpa | Thomas Frey
Ein Ausweichen auf alternative Verkehrswege ist laut Puls angesichts der großen Mengen, die auf dem Wasser transportiert werden, kaum möglich. „Ein Binnenschiff transportiert in etwa so viel Masse wie 100 Lkw“, sagt er. Um das alles auf die Straße zu bringen, gäbe es weder genug Fahrzeuge noch Fahrer. Und die Schienenverbindung entlang des Rheins habe schon im Normalbetrieb keine Kapazitäten mehr. „Aufgrund dieser Gemengelage ist eine Produktionsreduktion an den betroffenen Standorten relativ wahrscheinlich.“
Wo die Güter auf anderem Weg transportiert werden können, steigen die Kosten. Das dürfte mittelbar auch bei den Konsumenten ankommen, sagt Puls.
Auch für den Flusstourismus hat die Lage Folgen: Eine Sprecherin des Kreuzfahrtanbieters Viva Cruises sagte dieser Redaktion, fünf Schiffe des Unternehmens seien aktuell vom Niedrigwasser betroffen – eines davon könne wegen der niedrigen Wasserstände Budapest derzeit nicht verlassen. Reisen in Richtung Straßburg oder auf der Mosel seien zuletzt umgeleitet worden. „Die diesjährige Niedrigwasser-Situation ist besonders durch die Länge und das Ausmaß sehr besonders“, sagte die Sprecherin. „Die Wasserpegel haben quasi überall den historischen Tiefstand unterschritten.“
Auch interessant

Im Schwarzwald könnte bald die Versorgung per Tanklaster kommen
Landwirtschaft: Es staubt auf den Feldern. Die Erntebilanz dieses Sommers will der Deutsche Bauernverband zwar erst in der kommenden Woche vorlegen. Doch schon jetzt ist klar, dass die Dürre viele Landwirte vor ein ernsthaftes Problem stellt. „Wir rechnen mit erheblichen Ertragseinbußen, nicht nur beim Getreide, sondern auch bei den Herbstkulturen und im Futterbau“, sagte Joachim Rukwied, Präsident des Deutschen Bauernverbands, dieser Redaktion. Die unterdurchschnittlichen Erträge in Verbindung mit niedrigen Erzeugerpreisen und hohen Kosten würden die Liquidität vieler Betriebe enorm belasten. „Nicht wenige Betriebe brauchen Sonder- oder Zwischenfinanzierungen zur Sicherung der Liquidität und zum Fortbestand des Betriebes.“ In dieser Situation, mahnt Rukwied, dürfe es zu „keinerlei Kürzungen“ im Agrarbereich kommen.
Haushalte: Auch im privaten Bereich ist die Knappheit an vielen Stellen längst angekommen. Die Stadt München hatte in diesem Sommer wegen der angespannten Wassersituation zeitweise eine Allgemeinverfügung verhängt, die unter anderem das Befüllen von privaten Pools und das Waschen von Autos außerhalb von Waschanlagen untersagte. Auch in vielen anderen Landkreisen ist die Nutzung und Entnahme von Wasser inzwischen eingeschränkt.
Mehr Politik-News
Laut dem Verband kommunaler Unternehmen, in dem auch viele örtliche Wasserversorger organisiert sind, haben derzeit 73 von 401 Landkreisen und kreisfreien Städten in Deutschland Wasserentnahmeverbote oder Nutzungsbeschränkungen erlassen. „Wasserentnahmeverbote und Nutzungsbeschränkungen sind zwei von vielen weiteren Instrumenten, um die Wasserversorgung bei anhaltender Trockenheit und Hitze auch kurzfristig zu sichern“, sagte eine VKU-Sprecherin. „Dies kann im Einzelfall auch der Einsatz von Trinkwasserfahrzeugen sein, um in einzelnen Siedlungen die Vorräte aufzufüllen.“
Im Südwesten könnten solche Einzelfälle bald Realität werden: Laut SWR bereiten sich mehrere Gemeinden im Schwarzwald wegen versiegender Quellen darauf vor, dass sie bald möglicherweise per Tanklaster versorgt werden müssen.
Tiere und Pflanzen leiden unter der Wasserknappheit
Natur: Auch Tiere und Pflanzen leiden unter dem Fehlen des Wassers. Zunächst einmal in den Flüssen und anderen Oberflächengewässern selbst, wie UBA-Experte Rechenberg erklärt. „Weniger Wasser in den Fließgewässern bedeutet weniger Rückzugsorte für Fische und andere Tiere“, sagt er. Die Wassertemperatur steige, der Sauerstoffgehalt werde geringer. „Das ist extremer Stress für die Lebewesen in den Oberflächengewässern.“ Aber auch für Auen, Feuchtgebiete, Wälder und Moore sei die Trockenheit eine enorme Belastung. „Das geht bis hin zum Absterben der Pflanzen, wenn diese Gebiete trockenfallen.“
„Die aktuelle Hitze und die vielerorts seit Wochen und Monaten ausbleibenden Niederschläge sind alarmierend und fordern unsere Aufmerksamkeit“, sagt Klaus Mack (CDU), stellvertretender Vorsitzender der Unionsfraktion, dieser Redaktion. Der Klimawandel mache solche Extremwetterlagen häufiger und intensiver. „Das bedeutet: Emissionen müssen weiter konsequent gesenkt werden.“ Gleichzeitig müsse man die Klimaanpassung genauso entschlossen vorantreiben. Konkret nannte Mack das Aktionsprogramm Natürlicher Klimaschutz, dass dafür wichtige Voraussetzungen schaffe.
mit viv/pcl