Der Film “NOGA” zeigt, wie Pop zwischen die Fronten des Krieges gerät
Noga Erez lässt mit der Doku “NOGA” einen intimen Blick auf die schwierige Rolle zu, die ihr als israelischem Popstar in der Öffentlichkeit zugewiesen wird.
Keine andere Musikerin aus Israel ist international so bekannt wie Noga Erez. Allein diesen Sommer ist sie Headlinerin bei vielen Festivals – auch in Deutschland beim MS Dockville in Hamburg und beim Lollapalooza in Berlin. Im April trat sie in Los Angeles beim Coachella Festival auf – als erste Künstlerin aus Israel. Ihre Musik ist komplex, wütend, witzig, politisch, feministisch, mitreißend, anspruchsvoll, leise und laut. Sie wechselt zwischen großen Gefühlen und leisen Gesten. Es ist eine Traumkarriere für eine Künstlerin aus einem relativ kleinen Land. Und genau dieses Land ist ihrer Karriere zum Problem geworden. Davon erzählt nun die Kino-Dokumentation “NOGA” mit einem äußerst intimen Blick auf das Leben der Künstlerin.

Die Doku “Noga” drängt einem keine Erklärungen auf, sondern lässt das Material für sich selbst sprechen
© BabkaNoga Erez hat sich fünf Jahre lang für die Doku begleiten lassen
Die beiden Brüder Benji und Jono Bergmann sind als Regisseure mit ihren Kameras fünf Jahre lang in das Leben von Noga Erez und ihrem Partner Ori Rousso eingetaucht. Ori ist nicht nur Nogas künstlerischer Kollaborateur, sondern auch ihr Lebenspartner. Als die Bergmanns sich im Jahr 2020 entschieden, das Duo zu begleiten, hatte bereits Billie Eilish ihre Begeisterung für Nogas Musik geteilt. Auch Musiker wie Iggy Pop oder Sting feierten ihre Musik, die in der Doku viel Raum bekommt.
Der Film nimmt uns mit auf Konzerte und Backstage-Partys, auf Demos gegen Netanjahus Politik, mit in die Wohnung von Noga und Ori und sogar mit zur Beerdigung von Oris Mutter. Die beiden trennen sich, schreiben weiterhin Lyrics und bauen Beats, erklären sich in Interviews und kommen wieder zusammen. Auch als Noga sich dazu entscheidet, ihre Eizellen einfrieren zu lassen, nimmt der Film uns mit in die Arztpraxis. Vor allem aber lässt der Film uns eine Musikerin kennenlernen, die in der vollen Blüte ihrer Kunst steht, als sie von den Terroranschlägen der Hamas am 7. Oktober 2023 in eine Rolle gezwungen wird, die sie zu zerreißen droht.

Noga und Ori sind ein Künstler-Duo und Liebespaar, das
© BabkaSchuldig gesprochen, weil sie Israelin ist
Der internationale Star Noga Erez gerät zwischen die Fronten der überwiegend in Sozialen Medien ausgefochtenen Kriegslinien. Für viele Menschen scheint ein israelischer Pass Grund genug zu sein, um Noga in Verantwortung zu nehmen für die Politik Netanjahus. Sie wird aus unterschiedlichsten Lagern beschimpft, mal als Jüdin, mal als Antisemitin, mal als Zionistin. “Go back to Auschwitz” heißt es in einem der Online-Kommentare. Was im Laufe der Zeit über Noga und Ori hereinbricht, steht in krassem Missverhältnis zu den politischen Positionen, die Noga schon lange vor dem 7. Oktober 2023 öffentlich vertreten hatte.
Der Protest trifft sie nicht nur als Mensch, sondern auch als arbeitende Künstlerin. Ihr werden Ultimaten gestellt, Konzerte abzusagen. Man zwingt sie, bestimmte Aussagen zu treffen. Sie wird auf einem Festival mit Buhrufen auf der Bühne empfangen. Sie solle sich selbst canceln, schreiben ihr Menschen. Mit ihrem Plattenlabel in Los Angeles eruiert sie in einem Telefonat die Frage, ob Juden in Kalifornien unter gesellschaftlichen Druck geraten. Während sie verstehen muss, dass sie öffentlich offenbar für etwas steht, für das sie selbst überhaupt nicht steht, muss sie den Krieg um sich herum verstehen, an dem sie alles falsch findet. Sie spricht öffentlich bei Demos in Tel Aviv, erinnert an die Opfer, performt Songs bei Protesten von Menschen, die sich vielleicht so ähnlich fühlen wie sie sich fühlen muss: vereinnahmt und betrogen, absichtlich falsch verstanden und zur Mittäterin erklärt. “Big Israeli artists always get hit, when shit goes down”, sagt Ori an einer Stelle.

Die Musik von Noga Erez im unmittelbaren Kontext des Krieges und der Proteste dagegen
© BabkaWas die Doku “NOGA” auslässt
Es gibt in dem Film “NOGA” keine erklärende Stimme aus dem Off, keinen Erzähler, keine Talking Heads, die vom Bildrand aufploppen und uns Noga erklären oder Ori ausfragen. Es gibt auch kein Zurückblättern in Fotoalben der Familie. Es gibt kein Einordnen und auch keine schwarzen Bildtafeln, die uns Orientierung geben. Ein paar Jahreszahlen und Ortsangaben. That's it. Stattdessen sehen wir Noga gleich zu Beginn des Films in die Nacht brüllen. Ein Ausbruch ihrer Wut. Wir blicken in Oris warmen Augen, als er mit seinem Vater Schach spielt und der Vater sich ganz langsam vortastet zu der Frage, ob Ori nicht ein Kind mit Noga wolle. Als Zuschauer dieser Doku müssen wir aufpassen, um die Schärfe von Nogas Lyrics zu verstehen, um die Liebe der beiden füreinander zu ergründen, um die Härte zu spüren, die ihnen von Teilen der Öffentlichkeit entgegengebracht wird.
Es ist gerade dieses für Dokumentationen leider so selbstverständlich gewordene Dauergebrabbel, das “NOGA” komplett weglässt. Stattdessen vertraut der Film auf die Bilder, die er uns zeigt. Sie sprechen für sich selbst. Gerade dieses Weglassen gibt dem Film seine Größe, seine Intensität, seine Nähe zu Noga und Ori. Sie sprechen für sich selbst. Oder wir sehen, wie es ihnen die Sprache verschlägt.
Nicht nur die Sprache versagt. Auch die Musik. Als Noga eines Tages während des Krieges mit ihrem Management telefoniert, bringt sie ihre Zweifel zum Ausdruck, ob sie überhaupt noch Musik machen könne in Angesicht des Grauens.

“NOGA” ist eine Doku, die mit den Deutungskonventionen des Genres bricht
© BabkaWarum die Doku “NOGA” etwas Universelles erzählt
Pop, Liebe und Krieg – die Unmöglichkeit, sich selbst in Spannungsverhältnissen zu verorten, die man selbst nicht geschaffen hat, aber dennoch Teil von ihnen ist. Das ist es, was der Film “NOGA” über seine beiden Protagonisten hinaus erzählt. Es gibt rund 15 Minuten nach Beginn des Films eine Szene, in der wir Noga auf der Bühne vor feierndem Publikum sehen. Wir hören diese Szene aber nicht. Stattdessen hören wir aus dem Off ein leises, bedrohliches Rauschen. An dieser Stelle definiert der Film seine eigene Sprache.
“NOGA” begleitet nicht nur Noga Erez und ihren Partner. Der Film beobachtet sie beim Zurücktreten von sich selbst. Damit bietet der Film eine Reflektion an, die universell ist. Wir können uns mit Noga selbst befragen, was äußere Umstände uns auferlegen und wie wir damit umgehen. Die Kraft, zu der Noga immer wieder zurückfindet, ist beeindruckend. An einer Stelle sagt sie, sie mache “music from the gut … or in my case: from the ovaries”. Genauso beeindruckend ist, auf welch eigene Weise dieser Film die Deutungskonventionen des Genres hinter sich lässt und von der Möglichkeit erzählt, es einfach so zu machen, wie es einem selbst entspricht. Das ist universell.
Sehen Sie hier den Trailer zu “NOGA”:
“NOGA”, seit dem 13. August 2026 im Kino, Regie: Benji und Jono Bergmann