Noga Erez: Zu kritisch für Israel, zu israelisch für den Rest der Welt


Zwischen den Fronten

Noga Erez: Zu kritisch für Israel, zu israelisch für den Rest der Welt

In ihrer Heimat wird die Musikerin für ihre Regierungskritik angefeindet, im Ausland oft auf ihre Herkunft reduziert. Die Doku "Noga" zeichnet das Porträt einer Künstlerin, die sich einfachen Zuschreibungen verweigert

Jakob Thaller

Israeliische Musikerin tritt während des Montreux Jazz Festivals 2026 auf einer Bühne auf. Sie hält ein Mikrofon und singt, im Hintergrund ist blaues Bühnenlicht zu sehen.
Noga Erez zählt zu den prägendsten Pop-Exporten Israels und ist zugleich eine der meistdiskutierten Künstlerinnen des Landes. Die Dokumentation "Noga" bringt ihre Geschichte ab 20. August ins Kino.

Führt man mit der israelischen Musikerin Noga Erez ein Interview, erhält man vorab eine Nachricht ihres Managements: keine Fragen zum Krieg, keine zur Politik. Gesprochen werden soll ausschließlich über das, was im Film zu sehen ist.

Ein bemerkenswerter Wunsch. Unpolitisch ist nämlich weder ihre Musik noch die Dokumentation Noga, entstanden unter der Regie der Brüder Jono und Benji Bergmann. Fünf Jahre lang begleiteten sie Erez und Ori Rousso, ihren Partner in Kunst und Liebe, auf die großen Bühnen der Welt und durch die kleinen Momente des Alltags. Auch nach dem Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober 2023 waren sie dabei und dokumentierten, wie das Politische rücksichtslos ins Private einbrach.

Im Gespräch über Zoom wirkt Noga Erez wie ein Mensch, der gelernt hat, jedes Wort abzuwägen. Sie kenne sich inzwischen mit Shitstorms aus, sagt sie. "Wir haben mittlerweile, ich weiß gar nicht, mindestens sechs Jahre Erfahrung damit." Ruhig antwortet sie, überlegt, sucht zwischendurch den Blick ihres Partners. Die beiden sitzen in Zypern vor einem Smartphone, gerade ist ihr neues Album fertig geworden. Inzwischen könnten sie auch mit Hass umgehen, erklären beide. Aber als eine solche Welle das erste Mal über sie hereinbrach, sei das beängstigend gewesen.

Zwei Personen sitzen auf einer Wiese und unterhalten sich, mit Blick auf das Meer im Hintergrund. Es ist bewölkt, und eine Metallabsperrung trennt die Wiese vom Strand.
Noga Erez und ihr Lebenspartner Ori Rousso sind privat wie beruflich ein Team.

Angriffe von innen und außen

Sowieso hat man es als Künstlerin international schwer, wenn man aus Israel stammt – die BDS-Bewegung hat in der Kulturbranche nämlich viele Anhänger. BDS steht für "Boycott, Divestment and Sanctions" und verfolgt das Ziel, Israel durch gezielte Boykotte politisch, wirtschaftlich und kulturell zu isolieren. Von zahlreichen Experten wird die Bewegung in Teilen als antisemitisch bewertet. Als Erez 2021 dem britischen Magazin Huck sagte, man müsse zumindest über deren Ziele sprechen, wurde ihre Aussage medial verkürzt wiedergegeben und als Unterstützung der Bewegung missverstanden. In Israel löste das einen Skandal aus.

Anfeindungen waren die Folge, sogar Morddrohungen bekam sie. Die laute Öffentlichkeit in ihrer Heimat drängte sie zu einer Erklärung. Doch so regierungskritisch Noga Erez in Israel auch sein mag, vor dem Hass in anderen Teilen der Welt schützt sie das nicht – ganz besonders nach dem 7. Oktober. Boykottaufrufe mehrten sich, Konzerte wurden abgesagt, Hassnachrichten wurden aggressiver. Und das alles wegen eines Umstands, den sie sich nicht ausgesucht hat: weil sie in Israel geboren wurde.

Ihren Kritikern genügt es nicht, dass sie Empathie mit der palästinensischen Bevölkerung zeigt, für Frieden eintritt und gegen die Politik ihrer Regierung protestiert. Was bedeutet das für eine Künstlerin, die gerade auf dem Sprung zur internationalen Karriere ist, sich aber in keine Schublade pressen lässt? Warum darf sie ihre Heimat nicht gleichzeitig lieben und dennoch Kritik an ihr üben? Und wer ist eigentlich diese Frau hinter all diesen Zuschreibungen und Projektionen?

Israeli Sängerin Noga Erez tritt bei ihrem Konzert auf dem Sziget Festival auf der Shipyard Island in Budapest, Ungarn, auf. Sie trägt ein weißes Hemd und gestikuliert mit einem ausgestreckten Arm. Die Bühne ist in warmes gelb-oranges Licht getaucht.
Noga Erez sieht sich, wie sie selbst sagt, Kritik von innen wie von außen ausgesetzt.

Musikalische Anfänge

Ein Blick auf ihre Biografie zeigt, dass sich Politik kaum von ihrem Leben und ihrer Kunst trennen lässt. 1989 geboren, wuchs Erez in der Küstenstadt Caesarea als Tochter eines Veteranen des Jom-Kippur-Kriegs auf. "Dass Musik in meinem Leben das Wichtigste ist, habe ich wohl schon mit drei oder vier Jahren gemerkt, als ich zu den Beatles durchs Wohnzimmer getanzt bin", erzählt sie. Mit 18 beschloss sie dann, dass das mehr als nur ein Hobby ist.

Ihre formale Ausbildung erhielt Erez an der Jerusalem Academy of Music and Dance, und auch ihren Militärdienst verbrachte sie als Teil einer Band. Was dann in den Proberäumen und Clubs von Tel Aviv mit Indie-Folk begann, wuchs schnell über Genregrenzen hinaus. Jazzeinflüsse rieben sich in ihrer Musik mit der Direktheit des Raps, Themen wie Überwachung und sexualisierte Gewalt flossen in ihren energiegeladenen Gesang ein und all das verdichtete sich 2017 zu ihrem gefeierten Debütalbum Off the Radar.

Musikalisch bewegte sich das irgendwo zwischen Björk und FKA Twigs, mit hörbaren Spuren von Thundercat und Flying Lotus. Kantige, herausfordernde Musik von internationalem Zuschnitt, die trotzdem klar in der israelischen Gegenwart verankert ist. Schon damals an ihrer Seite: Produzent und Lebenspartner Ori Rousso. Die beiden gibt es eigentlich nur im Doppelpack, in Noga sieht man sie zwischen Tel Aviv und Los Angeles beim Nachdenken, beim Skizzieren von Songs und auch, als sie einen großen Fan treffen: Robbie Williams.

Das Politische ist privat

Auf Noga Erez wurde Co-Regisseur Jono Bergmann 2021 aufmerksam, als gerade ihr zweites Album Kids erschienen war. "Diese Musik ist voller Widersprüche", erzählt er dem STANDARD und ringt dabei um Worte, die das von ihm Empfundene angemessen beschreiben. "Da sind Songs, die zugleich politisch und persönlich sind, die mit großer Wucht nach vorne drängen und im nächsten Moment wieder ruhig werden, verspielt wirken und dennoch etwas Düsteres in sich tragen."

Die Doku verfolge drei zentrale Stränge, ergänzt Benji Bergmann: "Den kreativen Prozess, das politische Umfeld und natürlich die Beziehung der beiden." Mit jedem neuen Kapitel merke man, wie diese drei Dinge immer mehr ineinander greifen und sich eigentlich gar nicht mehr voneinander trennen lassen. "Im Oktober 2023 waren wir dabei und sind unserem filmischen Ansatz im Grunde treu geblieben", sagt sein Bruder. "Aber emotional war plötzlich alles anders, jede Szene, jeder Raum, jedes Gespräch hatte auf einmal ein ganz anderes Gewicht."

Israelische Musikerin Noga Erez tritt im Auditorium Stravinski während des 60. Montreux Jazz Festivals in Montreux, Schweiz, am 15. Juli 2026 auf. Im Vordergrund kniet sie mit Mikrofon, im Hintergrund ist ein Gitarrist und eine Leinwand zu sehen.
Der Film "Noga" verknüpfe drei zentrale Erzählebenen: den kreativen Prozess, das politische Umfeld und die Beziehung zwischen Noga Erez und Ori Rousso, erklärt Regisseur Benji Bergmann.

Der historische Bruch zieht sich durch den Film, eine offene Wunde, die nach Ausdruck verlangte und das künstlerische Arbeiten zugleich lähmte: Wochenlang hätten sie danach keine Musik gemacht, erklärt Rousso zögerlich auf Zoom. Über die Ereignisse und die darauffolgende Zeit sprechen beide nur ungern, die Sätze bleiben vorsichtig, manches unausgesprochen. Schreckliche Dinge werden in diesem Krieg getan, sagt Erez in einer Szene des Films. Es seien schon viel zu viele Palästinenser getötet worden.

Neu ist dieses Spannungsverhältnis nicht, schon ihr Durchbruchssong Dance While You Shoot behandelte ähnliche Themen. "Darin geht es um eine Generation, die in einen Konflikt hineinwächst und das Privileg hat, sich in soziale Medien, Musik und andere Formen der Ablenkung zu flüchten", erklärt Erez. Obwohl sie damit bereits 2017 Kritik an der immer extremer werdenden israelischen Regierung übte, wollten manche Menschen Ende 2023 nicht mehr mit ihr zusammenarbeiten.

Komplexe Meinung

Mit dem Album The Vandalist meldete sich Noga Erez 2024 schließlich zurück. Durchaus provokant kritisierte sie in PC People die Verflachung eines zunehmend von Empörung und Lagerdenken geprägten Diskurses; mit Come Back Home findet sich aber auch ein Song auf dem Album, der ursprünglich als Liebeslied gedacht war, von den Angehörigen der israelischen Geiseln jedoch zu einem musikalischen Ausdruck ihrer Hoffnung auf Rückkehr gemacht wurde.

Eine Sängerin im Dunkeln.
Das neue Album ist bereits fertig, verraten Noga Erez und Ori Rousso. Wie es klingen wird, wollen sie noch nicht sagen. Nur so viel: Es wird familiärer.

Auch sonst waren die vergangenen Jahre für Noga Erez und Ori Rousso von Umbrüchen geprägt: Sie wurden Eltern einer Tochter. Vielleicht werde das Cover des nächsten Albums ein Familienfoto sein, sagen sie. Viel mehr lassen sie sich noch nicht entlocken, aber zumindest klingt schon durch, dass es um das zutiefst persönliche Bedürfnis gehen wird, irgendwo dazuzugehören. Zu einer Familie, zu einer Gemeinschaft oder auch zu einer Herkunft.

Selbst dann, wenn das nicht immer angenehm ist. "Meine Meinung ist zu komplex für einen Soundbite", sagt Erez an einer Stelle des Films. Widersprüche dürfen nebeneinander bestehen, ja, sie müssen das manchmal sogar. Ist es nicht gerade das, was uns menschlich macht? (Jakob Thaller, 15.8.2026)

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