„Pirmasens war eine sehr gewalttätige Stadt“: Diese Punk-Ikone hatte deutsche Wurzeln


Stand: 18.09.2026, 07:30 Uhr

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The Ramones - Punk-Ikone mit deutschen Wurzeln: Der 2001 viel zu früh verstorbene Dee Dee Ramone (links) wäre am 18. September 75 geworden.

The Ramones - Punk-Ikone mit deutschen Wurzeln: Der 2001 viel zu früh verstorbene Dee Dee Ramone (links) wäre am 18. September 75 geworden. © Warner

Punk-Legende Dee Dee Ramone wäre am 18. September 75 geworden - seinen Künstlernamen und den der Ramones erfand er in einer Kleinstadt in der Pfalz.

Sie gelten als Prototyp der Punkband: Als sich The Ramones 1974 gründeten, waren sie die Vorreiter eines neuen Genres, dem später vor allem britische Bands wie The Clash und die Sex Pistols zugerechnet wurden. Liegen die Wurzeln des Punk also in New York? Oder vielleicht doch in Pirmasens? Ganze vier Seiten widmete Dee Dee Ramone der pfälzischen Stadt in seiner Autobiografie, die für seine musikalische Sozialisation und seinen tragischen Lebensweg mitentscheidend war. Am 18. September wäre der Songwriter und Bassist der Ramones 75 Jahre alt geworden.

Dee Dee Ramone - Nach seiner Zeit bei den Ramones versuchte sich Dee Dee Ramone (hier bei einem Auftritt 2001) als Solokünstler.

Dee Dee Ramone - Nach seiner Zeit bei den Ramones versuchte sich Dee Dee Ramone (hier bei einem Auftritt 2001) als Solokünstler. © David Klein/Getty Images

Geboren wurde Dee Dee Ramone 1951 als Douglas Glen Colvin in Fort Lee, Virginia. Weil sein Vater als amerikanischer Soldat in Deutschland stationiert war und seine Mutter Deutsche war, wuchs er in München, Bad Tölz, Pirmasens und Berlin auf. Ausgerechnet in Pirmasens, wo er Anfang der 60er-Jahre mit elf oder zwölf Jahren ankam, entstand später die Idee für seinen Künstlernamen und den Bandnamen der Ramones.

Prägende Jugend in der Pfalz

In seiner Autobiografie „Poison Heart“ erinnerte er sich unversöhnlich an die Stadt: „Pirmasens war eine sehr gewalttätige, freizügige Stadt. Alle, die dort lebten, arbeiteten in einer der Fabriken, und eine große Wolke, die nach Kanalisation roch, hing über der Stadt.“ Die Bevölkerung beschreibt er als Mischung aus „wilden amerikanischen Soldaten und ihren gelangweilten Angehörigen und 'ner Menge wütender Deutscher“. Schon auf dem Spielplatz ging es ruppig zu, Spielzeug wurde geklaut, Kinder spuckten sich an. Seine erste Prügelei trug er mit einem Jungen namens Krudd aus - der ihm im Gegenzug beibrachte, „House of the Rising Sun“ auf der Gitarre zu spielen.

Pirmasens war für den jungen Colvin zugleich Abenteuerspielplatz und Einstieg in Musik und Drogen: Er streifte durch alte Bunker, sammelte Kriegsrelikte wie Helme, Gasmasken und Bajonette und verkaufte sie weiter - bis sein Vater bei einem Schwert mit Luftwaffen-Symbol wütend wurde: „Stell dir mal all unsere Jungs vor, die dadurch umkamen!“ Über Radio Luxemburg hörte er dort zum ersten Mal die Beatles, im Kino sah er „A Hard Day's Night“. Mit zwölf fand er hinter einer Garage versteckte Morphiumspritzen eines GIs - seine erste Begegnung mit Heroin, der Droge, die sein Leben und seinen Tod prägen sollte.

Von Pirmasens in die ganze Welt

Auch in Berlin, wo er seine erste Gitarre kaufte, setzten sich die Drogenerfahrungen fort. Als seine Eltern sich scheiden ließen, zog der 15-Jährige mit seiner Mutter nach New York, in den Stadtteil Forest Hills. Dort lernte er die späteren Ramones-Mitglieder Joey, Johnny und Tommy Ramone kennen - verbunden durch die Begeisterung für Protopunk-Bands wie die New York Dolls und The Stooges. 1974 gründeten sie gemeinsam die Ramones. Dee Dee übernahm zunächst Gesang und Rhythmusgitarre, wechselte aber wegen Stimmproblemen zu Bass und Backgroundgesang.

Als Songwriter prägte er das Debütalbum von 1976 maßgeblich. Es öffnete mit „Blitzkrieg Bop“, bis heute eines der bekanntesten Stücke der Band, und endete mit „Today Your Love, Tomorrow the World“, das ein „schwächliches deutsches Kind“ karikiere und einen Einblick in „die typische Geisteshaltung eines Mitglieds der Hitlerjugend“ geben solle, wie Mickey Leigh, der Bruder von Joey Ramone später erklärte. Damit behandelten ausgerechnet der erste und letzte Titel des Albums das Thema Nationalsozialismus.

Der Musikjournalist Victor Bockris deutete Punk später als „die letzte wichtige Reaktion auf den Zweiten Weltkrieg“ - ein Ventil der ersten Nachkriegsgeneration, sich provokant mit NS-Ikonografie auseinanderzusetzen. Für dieses Thema dürfte gerade der in Deutschland aufgewachsene Dee Dee Ramone besonders sensibilisiert gewesen sein, so Bockris. Und auch der Bandname selbst geht auf seine Zeit in Pirmasens zurück: Dort begann er, sich nach Paul McCartneys Inkognito-Pseudonym „Paul Ramon“ Dee Dee Ramone zu nennen.

Späte Karriere als Maler

Sein Bandkollege Johnny Ramone beschrieb ihn als unermüdlichen Songwriter, der selbst in Krisen weiterschrieb - doch privat kämpfte Dee Dee zeitlebens gegen seine Heroinsucht. 1989 verließ er die Ramones, um als Rapper unter dem Namen Dee Dee King neu anzufangen. Der Erfolg blieb aus, und er kehrte zum Punk zurück: Er veröffentlichte Soloalben und 1998 seine Autobiografie, auch die Malerei prägte seine letzten Lebensjahre.

Am 6. Juni 2002 starb Dee Dee Ramone im Alter von 50 Jahren an einer Überdosis Heroin. Kurz zuvor hatte er mit Freunden aus Augsburg eine Ausstellung geplant, die 2003 postum als „Rampe3“ realisiert wurde - die weltweit größte Ramones-Tribut-Schau. Seine Bilder wurden danach mehrfach gezeigt, zuletzt 2005 in Paris. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)