Sanieren ist angesagt! Die Zukunft ist bereits gebaut
Verena Jakoubek-Konrad
Sanieren ist angesagt! Die Zukunft ist bereits gebaut
Innovation im Bauwesen wurde lange selbstverständlich mit dem Neubau verbunden. Doch nun findet ein Umdenken statt. Umbau ist keine Architektur zweiter Wahl
Kommentar der anderen
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Verena Jakoubek-Konrad
Rund drei Viertel des Gebäudebestands in Europa wurden vor 1990 errichtet, ein erheblicher Teil sogar vor den ersten wirksamen energetischen Standards. Auch in Österreich stammt der Großteil der Gebäude aus einer Zeit, in der weder Klimaschutz noch Ressourceneffizienz leitende Planungsprinzipien waren.
Viele dieser Häuser erreichen nun jenes Alter, in dem umfassende Sanierungen, technische Erneuerungen und funktionale Anpassungen notwendig werden, um sie weiter gut nutzen zu können. Gleichzeitig verharrt die Sanierungsrate seit Jahren bei rund zwei Prozent – zu wenig, um die Klimaziele zu erreichen, und definitiv zu wenig, um etwas Tempo in die Bauwende zu bekommen.
Kaum ein Begriff hat sich in den vergangenen Jahren in der Baukulturdebatte so rasch etabliert wie der der "Bauwende". Oft wird sie noch als Verzichtserzählung verstanden: weniger bauen, weniger versiegeln, weniger verbrauchen. Das greift zu kurz. Die Bauwende ist kein Verzichtsprogramm. Sie ist ein Modernisierungsprogramm – für unsere Gebäude, unsere Städte und unsere Vorstellung davon, wie Innovation im 21. Jahrhundert entsteht.
"Wo Bestandsgebäude erhalten und weiterentwickelt werden, bleiben oft auch soziale Netzwerke bestehen."
Über Jahrzehnte war Innovation im Bauwesen nahezu selbstverständlich mit dem Neubau verbunden. Das Neue galt als Fortschritt, das Bestehende als Einschränkung. Heute verschiebt sich dieser Maßstab. In einer Zeit knapper Ressourcen, steigender Baukosten und gleichzeitig wachsender ökologischer Verantwortung besteht die eigentliche Innovation nicht mehr ausschließlich darin, neue Gebäude nach neuen Standards zu errichten. Sie besteht vor allem darin, das Vorhandene intelligent weiterzudenken.
Jedes bestehende Gebäude ist ein Speicher. Nicht nur für Erinnerungen oder architektonische Qualitäten, sondern auch für Ressourcen. In ihm stecken Rohstoffe, Arbeitsleistung, Kapital und jene graue Energie, die bereits für Herstellung, Transport und Errichtung aufgewendet wurde. Wer ein Gebäude abreißt, vernichtet nicht nur bauliche Substanz, sondern auch einen erheblichen Teil dieser investierten Ressourcen. Selbst ein energieeffizienter Neubau kann diesen Verlust nicht rückgängig machen.
Verdrängung vermeiden
Doch der Wert des Bestands erschöpft sich nicht in seiner Ökobilanz. Gebäude strukturieren Nachbarschaften. Sie prägen Ortsbilder, schaffen Identität. Wo Bestandsgebäude erhalten und weiterentwickelt werden, bleiben oft auch soziale Netzwerke bestehen. Umbau kann Verdrängung vermeiden, bestehende Infrastrukturen nutzen und jene alltäglichen Beziehungen bewahren, die ein Quartier lebenswert machen. Wer Gebäude weiterbaut, erhält deshalb nicht die Vergangenheit, so wie sie ist, sondern ermöglicht Zukunft auf einem bereits vorhandenen Fundament.
Gerade darin liegt die kulturelle Dimension der Bauwende. Die Dörfer und Städte und Wohnquartiere der Zukunft entstehen nicht ausschließlich durch das Neue. Sie entstehen ebenso durch den klugen Umgang mit dem Vorhandenen. Umbau ist keine Architektur zweiter Wahl. Er ist eine enorm anspruchsvolle Form des Entwerfens, weil er nicht bei null beginnt. Er verlangt Analyse statt Routine, Präzision statt Standardlösung und die Fähigkeit, unterschiedliche Zeitschichten zu einem neuen Ganzen zu verbinden.
Bestand als Ressource
Vor allem aber verändert die Strategie des Weiter- und Nachnutzens unseren Blick auf Nachhaltigkeit. Viel zu lange wurde Nachhaltigkeit vor allem als Versprechen an die Zukunft verstanden: Wir sollen heute effizienter bauen, damit kommende Generationen Ressourcen schonen können. Wir entwickeln Materialien und Prozesse für die Kreislaufwirtschaft und planen Gebäude für eine mögliche spätere Wiederverwendung – während wir gleichzeitig jene Ressourcen ungenutzt lassen, die bereits vorhanden sind.
Die Herausforderung beginnt jedoch nicht erst morgen. Sie beginnt mit der Frage, wie wir heute mit dem umgehen, was bereits da ist. Nachhaltigkeit bedeutet deshalb nicht nur, für die Zukunft vorzusorgen. Sie bedeutet auch, die Gegenwart ernst zu nehmen und im Fall der Bauwende den Bestand als Ressource zu erkennen, ihn weiterzuentwickeln und sein Potenzial auszuschöpfen.
Von diesem Perspektivwechsel profitiert auch die Bauwirtschaft. Der klassische Neubau stößt vielerorts an ökologische und im Moment auch an wirtschaftliche Grenzen. Gleichzeitig wächst der Bedarf an Sanierungen, Umnutzungen und Bestandstransformationen kontinuierlich. Die Wertschöpfung verlagert sich: gefragt sind planerische Kompetenz, Bestandsanalysen, Ingenieurwissen und qualitätsvolles Handwerk.
Gebaute Umwelt
Eine Bauwende, die den Bestand in den Mittelpunkt stellt, braucht allerdings mehr als gute Absichten. Sie braucht einen Rechtsrahmen, der das Weiterbauen erleichtert. Viele Bauordnungen stammen aus einer Zeit, in der der Neubau den Regelfall darstellte. Entsprechend orientieren sich zahlreiche Vorschriften bis heute an Neubauten – selbst dann, wenn bestehende Gebäude angepasst oder weiterentwickelt werden sollen. Das erschwert Sanierungen häufig unnötig und macht den Abriss oft zur einfacheren und günstigeren Lösung. Umso wichtiger sind auch hier Reformen, die das Potenzial des Bestandes begreifen.
Die jüngste Novelle der Niederösterreichischen Bauordnung setzt hier ein ermutigendes Signal, indem sie Erleichterungen für Umbauten und Sanierungen vorsieht. Solche Ansätze weisen in die richtige Richtung, denn Bauordnungen sind nie bloß technische Regelwerke. Sie entscheiden mit darüber, welche Form des Bauens wirtschaftlich attraktiv, planerisch machbar und vor allem gesellschaftlich erwünscht ist, indem auch Förderprogramme an sie geknüpft sind.
Die Bauwende ist deshalb weit mehr als ein Instrument der Klimapolitik. Sie verändert unseren Blick auf die gebaute Umwelt. Gebäude sind keine Wegwerfprodukte. Sie besitzen einen Wert, wirtschaftlich und kulturell und als Materialbank. Diesen Wert zu erkennen, bedeutet nicht, Veränderung zu verhindern oder gar den Neubau, den es natürlich weiterhin braucht. Aber es bedeutet, die großen Hebel und Potenziale zu erkennen. Vielleicht besteht die größte kulturelle Leistung der Bauwende gerade darin, die Begriffe von Innovation und Fortschritt neu zu fassen. Die Bauwende wäre ein guter Anlassfall. (Verena Jakoubek-Konrad, 11.7.2026)
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