Forscherin: "Viele Männer fühlen sich einsam, obwohl sie Freunde haben"


Männerfreundschaften

Forscherin: "Viele Männer fühlen sich einsam, obwohl sie Freunde haben"

Fußball schauen, gemeinsam trainieren, ein Bier trinken: Männer verbringen zwar Zeit mit Freunden, über Ängste und Sorgen sprechen sie aber selten. Das kann der Gesundheit schaden, weiß die Psychologin Iris Wahring

Interview

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Nadja Kupsa

Zwei lachende junge Männer stehen draußen, einer trägt eine Sonnenbrille und eine umgedrehte Kappe, während sie sich freundschaftlich umarmen und Spaß haben.
Die Forschung zeigt: Männer leben Freundschaften anders als Frauen.

Haben Männer Sorgen, sprechen sie meist mit ihrer Partnerin darüber. Fehlt diese Bezugsperson, bleibt vielen niemand, mit dem sie sprechen können. Dabei haben Männer Freunde. Eine Studie von Januar 2025 zeigt sogar, dass es bei Frauen und Männern ungefähr gleich viele sind. Der Unterschied: Männerfreundschaften bleiben oft an der Oberfläche.

Die Psychologin Iris Wahring von der Universität Wien forscht aktuell genau zu diesem Thema: Wie pflegen Männer und Frauen Freundschaften? Im Interview mit dem STANDARD erklärt sie, warum traditionelle Rollenbilder Männer einsam machen. Und wie ungelebte Freundschaften sogar der Gesundheit schaden.

STANDARD: Es heißt oft, Männer hätten weniger enge Freundschaften als Frauen. Entspricht das tatsächlich dem Forschungsstand?

Iris Wahring: Männer haben nicht unbedingt weniger Freundschaften insgesamt, aber seltener enge Freundschaften, in denen über persönliche Themen gesprochen wird. Während Frauen häufiger Freundinnen haben, mit denen sie Sorgen teilen oder emotionale Unterstützung bekommen, sind Männerfreundschaften oft stärker über gemeinsame Aktivitäten organisiert.

STANDARD: Also Männer schauen lieber gemeinsam Fußball oder machen Sport, statt stundenlang zu reden?

Wahring: Genau. Das ist aber nicht bei allen Männern gleich. Natürlich gibt es auch Männer, die sehr enge und emotionale Freundschaften führen.

STANDARD: Warum fällt es vielen Männern schwerer, solche engen Freundschaften aufzubauen?

Wahring: Das hat viel mit traditionellen Rollenbildern zu tun. Männer sollen stark sein, unabhängig wirken und sich nicht verletzlich zeigen. Über Ängste, Traurigkeit oder Überforderung zu sprechen, widerspricht diesem Bild von Männlichkeit noch immer. Bei Frauen wird das gesellschaftlich viel eher akzeptiert oder sogar erwartet. Männer erleben deshalb häufiger Hemmungen, persönliche Themen anzusprechen.

STANDARD: Wünschen sich Männer überhaupt engere Freundschaften?

Wahring: Vieles spricht dafür. Wenn man Männer in anonymen Befragungen fragt, geben viele an, dass ihnen jemand fehlt, mit dem sie über persönliche Dinge sprechen können. Der Wunsch nach emotionaler Nähe scheint also durchaus vorhanden zu sein. Schwieriger ist oft der Schritt, diesen Wunsch zu äußern oder aktiv zu versuchen, solche Beziehungen aufzubauen.

STANDARD: Sie forschen derzeit selbst zu Freundschaften und Geschlechterunterschieden. Worum geht es in Ihrer Studie?

Wahring: Wir führen eine Laborstudie durch, in der sich befreundete Personen miteinander unterhalten. Uns interessieren unterschiedliche Geschlechterkonstellationen und Altersgruppen. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer sprechen über ein vorgegebenes Oberthema, können das Gespräch aber frei gestalten. Wir untersuchen dann beispielsweise, welche Themen angesprochen werden und wie die Gesprächsdynamik aussieht – also etwa, wie Menschen aufeinander reagieren oder sich gegenseitig unterstützen.

Iris Wahring
Iris Wahring ist Psychologin und wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Psychologie der Entwicklung und Bildung der Universität Wien. Sie forscht zu engen sozialen Beziehungen über die Lebensspanne, mit besonderem Fokus auf Geschlechts- und Altersunterschieden.

STANDARD: Oft wird Konkurrenzdenken als Hindernis für enge Männerfreundschaften genannt. Beobachtet die Forschung das tatsächlich?

Wahring: Ja, Konkurrenz spielt unter Männern häufig eine größere Rolle. Das muss nicht grundsätzlich negativ sein – ein bisschen Wettbewerb kann Spaß machen und Menschen verbinden. Problematisch wird es, wenn Verletzlichkeit als Schwäche interpretiert wird. Wer das Gefühl hat, ständig Stärke und Unabhängigkeit demonstrieren zu müssen, tut sich oft schwerer damit, Ängste oder Unsicherheiten zuzugeben.

STANDARD: Welche Folgen kann es haben, wenn Freundschaften vor allem auf gemeinsame Aktivitäten beschränkt bleiben und persönliche Themen wenig Raum bekommen?

Wahring: Jeder Mensch hat ein Grundbedürfnis nach emotionaler Nähe und Verbundenheit. Dieses Bedürfnis unterscheidet sich bei Männern und Frauen nicht. Wenn es nicht erfüllt wird, kann das einsam machen. Und Einsamkeit bedeutet nicht automatisch, allein zu sein. Viele Männer haben Freunde und soziale Kontakte, fühlen sich aber trotzdem einsam, weil ihnen eine Person fehlt, mit der sie über persönliche Dinge sprechen können oder an die sie sich in schwierigen Situationen wenden würden.

STANDARD: Und was macht Einsamkeit?

Wahring: Einsamkeit steht sowohl mit psychischer als auch mit körperlicher Gesundheit in Zusammenhang. Sie kann Depressionen begünstigen und wirkt sich langfristig sogar auf die Lebenserwartung aus. Außerdem sehen wir, dass Männer außerhalb von Partnerschaften ein höheres Risiko für schwere psychische Krisen haben. Auch hier könnte Einsamkeit ein wichtiger Faktor sein.

STANDARD: In den vergangenen Jahren wurde viel über die "male loneliness epidemic" gesprochen. Also darüber, dass junge Männer immer einsamer werden. Stimmt das wirklich?

Wahring: Es gibt Lebensphasen, in denen Männer besonders gefährdet sind zu vereinsamen: Bei jungen Männern scheint der Druck, möglichst stark und unabhängig zu sein, besonders ausgeprägt zu sein. Ob junge Männer heute tatsächlich einsamer sind als früher, ist allerdings schwierig zu sagen. Wenn man Männer direkt fragt, ob sie einsam sind, geben sie das oft nicht häufiger an als Frauen. Fragt man indirekter – etwa, ob es jemanden gibt, an den sie sich wenden können oder mit dem sie über Probleme sprechen –, zeigen sich deutlich häufiger Defizite.

Ein junges Paar liegt entspannt zusammen in einer Hängematte auf der Terrasse, umgeben von Topfpflanzen.
Männer in romantischen Paarbeziehungen sind gesünder als Single-Männer.

STANDARD: Brauchen deswegen Männer Beziehungen dringender als Frauen?

Wahring: In vielen heterosexuellen Beziehungen ist die Partnerin für die Männer die wichtigste Bezugsperson und organisiert oft auch einen großen Teil ihres sozialen Lebens. Fällt diese Beziehung weg, etwa nach einer Trennung oder Verwitwung, verlieren manche Männer gleichzeitig einen großen Teil ihres sozialen Netzwerks.

STANDARD: Was können Männer konkret tun, um dem vorzubeugen?

Wahring: Ein erster Schritt wäre, in bestehenden Freundschaften vorsichtig mehr Tiefe zuzulassen. Vielleicht trifft man sich nicht nur zum Sport oder auf ein Bier, sondern geht gemeinsam spazieren oder einen Kaffee trinken und spricht bewusst auch einmal über andere Themen. Viele Männer sind offener dafür, als man denkt. Das Bedürfnis nach emotionaler Nähe und Verbundenheit haben schließlich alle Menschen. (Nadja Kupsa, 12.7.2026)

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