Schockanrufer verdienen Millionen mit der Angst von Senioren
AUDIO: Schockanrufe: Das Geschäft mit der Angst (3 Min)
Schäden in Millionenhöhe
Schockanrufe: Das Geschäft mit der Angst
Stand: 09.10.2026 21:00 Uhr
Mit sogenannten Schockanrufen lässt sich richtig viel Geld machen. Betrüger haben allein in Sachsen-Anhalt 2025 mehr als 1,5 Millionen Euro erbeutet. Das geht aus Zahlen des Landeskriminalamtes hervor. Auch die Prognose für 2026 ist ernüchternd: Die Zahl der erfassten Fälle ist bis zum dritten Quartal rasant angestiegen, ebenso die Schadenssumme. Das Prinzip des Schockanrufs ist immer gleich: vor allem älteren Menschen wird am Telefon eine abenteuerliche Geschichte aufgetischt, die sie emotional und zeitlich unter Druck setzt, um so vor allem an Geld zu kommen. Wichtig sind deshalb Information und Aufklärung.
von Tanja Ries, MDR SACHSEN-ANHALT
Für diese Geschichte schlüpfe ich, die Reporterin, in eine ungewohnte Rolle, nämlich die einer Betrügerin. Gebrieft wurde ich dafür von Polizeihauptkommissarin Grit Kilian-Moritz aus dem Polizeirevier Mansfeld-Südharz. In ihrer Region ist sie regelmäßig im ländlichen Raum unterwegs, um Seniorinnen und Senioren über alle möglichen Betrugsmaschen aufzuklären.

Polizeihauptkommissarin Grit Kilian-Moritz klärt auf Informationsveranstaltungen über die Betrugsmaschen von Schockanrufern auf.
Diesmal ist sie in Piskaborn, einem Ortsteil von Mansfeld, unterwegs – im Gepäck ein dicker Aktenordner mit echten Betrugsfällen, die sie heute präsentieren wird. Sie will heute aber nicht nur vor Schockanrufen warnen. In die Thematik rund um diverse Betrügereien gegenüber Senioren hat sie sich vertieft. Aus gutem Grund:
2025 hatten wir in den ersten sechs Wochen einen immensen Schaden in Höhe von 400.000 Euro. Durch Schockanrufe, aber auch andere Betrügereien. Da habe ich gesagt, da müssen wir jetzt was machen. Grit Kilian-Moritz, Polizeihauptkommissarin im Revier Mansfeld-Südharz
Seitdem tourt sie verstärkt durch den Landkreis Mansfeld-Südharz. Der Dorfsaal in Piskaborn ist gut gefüllt, rund 60 ältere Damen und Herren haben bei Kaffee und Keksen Platz genommen. Auch ein paar jüngere Gesichter sind dabei. Das sei wichtig, findet die Polizistin, denn gerade junge Leute sollten das Thema an ihre älteren Angehörigen herantragen und mit ihnen darüber sprechen. Grit Kilian-Moritz holt die Akten hervor.
Diverse Betrugsmaschen gegen Senioren
Der erste Fall ist noch kein Schockanruf: Ein älteres Paar arbeitete im Vorgarten, wurde von einem Spaziergänger angesprochen. Er verwickelte die beiden in ein Gespräch: "Schönes Haus, ist das Ihres? Früher hat das Haus ja mal meinen Großeltern gehört." Der falsche Enkel merkte im weiteren Gesprächsverlauf an, dass er neugierig sei, wie das Haus jetzt wohl aussehe. Das Paar ließ ihn hinein, und das Unheil nahm seinen Lauf.
Die Infoveranstaltungen der Polizei (hier in Piskaborn) stoßen auf großes Interesse.
Aus Höflichkeit oder auch aus Einsamkeit lassen ältere Menschen Fremde in ihre Häuser. Auch aus Respekt – wenn sich beispielsweise vermeintliche Polizisten vorstellen oder auch falsche Mitarbeiter von Unternehmen wie den Stadtwerken die Zähler ablesen wollen. Man sollte sich immer einen Ausweis zeigen lassen und die Mitarbeiternummer notieren, sagt Kilian-Moritz.
Im Zweifel sollte man außerdem bei dem Unternehmen anrufen und fragen, ob tatsächlich ein Außendienstmitarbeiter unterwegs sei. Niemand müsse oder sollte Fremde ins Haus lassen – auch keine Polizisten, es sei denn, sie haben einen Durchsuchungsbeschluss dabei, erklärt die Polizeihauptkommissarin.
Was passiert bei einem Schockanruf genau?
Das gilt auch für sogenannte Schockanrufe. Und da komme ich, die Reporterin, wieder ins Spiel. Wie läuft das ab? Das wollen wir für einen Fernsehbeitrag nachstellen. Wolfgang Riedler aus Piskaborn erklärt sich bereit, als "Opfer" in unserer Inszenierung zu fungieren. Ich rufe den 83-Jährigen also zu Hause an.
Die häufigsten Opfer von Schockanrufen sind Rentner und Rentnerinnen. (Symbolbild)
Als der Senior ans Telefon geht, liefere ich eine Show – weine hysterisch, schluchze theatralisch und spreche ihn mit "Papi" an. Meine Story: Ich habe einen Unfall verursacht, dabei ist eine Frau gestorben, die Polizei hat mich festgenommen. Und nun würde ein Polizist ihm erklären, wie es weitergehe. Mein "Papi" solle dranbleiben, ich würde jetzt den Hörer an einen "Polizisten" weiterreichen. So hat es Grit Kilian-Moritz vorab mit mir ausgemacht.
Wolfgang Riedler war zwar auf meinen Anruf vorbereitet (das sind echte Opfer in der Regel nicht), aber er wusste nicht, was ich ihm erzähle und auch nicht, wie. Wäre er mir mit diesem Einstieg ins Gespräch auf den Leim gegangen? Die Geschichte findet er schon krass:
Das ist so ein Punkt, wo man nicht lange überlegen kann. Und dann lauert man ja auch, dass der Polizist mit einem redet und einem die Sache erklärt. Wolfgang Riedler, Renter aus Piskaborn
Allerdings ergänzt er dann, hätte er mir nicht geglaubt. Seine echte Tochter sage nie "Papi" zu ihm, sondern immer "Vati".
Täter erzeugen emotionalen und Zeitdruck
Auch wenn die Geschichten der Betrüger mitunter variieren, ist das Prinzip immer das gleiche: Zunächst wird emotionaler Druck aufgebaut. Durch das Schreien und Weinen ist die Stimme am Telefon verzerrt und nicht identifizierbar. Hinzu kommt der Schreck. Grit Kilian-Moritz erklärt: "Und erst in dem Moment, wo der 'Polizist' am Telefon ist, kann der Angerufene überhaupt wieder anfangen, einen klaren Gedanken zu fassen."
In Infobroschüren gibt die Polizei einen Einblick in die Strategien der Täter und außerdem Tipps, wie man auf Schockanrufe reagieren sollte.
Allerdings werde man dann die ganze Zeit bequatscht, mitunter über eine Stunde. "Die halten Sie am Telefon, damit Sie eben nicht zum Nachdenken kommen." Die Betrüger forderten Geld, beispielsweise für eine Kaution, damit das Kind auf freien Fuß komme. Eine Kaution gibt es aber in Deutschland in der Form gar nicht, sondern nur in ausländischen Fernsehkrimis. Auch das erzählt sie im Dorfsaal von Piskaborn.
Präventionskampagne im Landkreis Mansfeld-Südharz
Im vergangenen Jahr hat sie für das Revier Mansfeld-Südharz eine Kampagne gegen Betrug initiiert. Seitdem ist sie nicht nur persönlich im Landkreis unterwegs. Seniorinnen und Senioren haben auch Post von der Polizei erhalten mit Infos über die diversen Betrugsmaschen. Ein riesiger Aufwand sei das gewesen. Aber es habe sich gelohnt, zumindest für eine gewisse Zeit. 2025 gab es demnach im Zuständigkeitsbereich des Reviers Mansfeld-Südharz nur einen erfolgreichen Schockanruf. Der Schaden lag dennoch bei 70.000 Euro.
Der Betrug am Telefon mit dem Enkeltrick ist grundsätzlich ein einträgliches Geschäft für die Täter. Das zeigt ein Blick in die landesweite Kriminalstatistik. 2024 wurden in Sachsen-Anhalt auf diese Weise knapp 960.000 Euro erbeutet, 2025 waren es schon 1,5 Millionen Euro. Und das, obwohl die Zahl der Geschädigten fast gleich blieb (2024: 58; 2025: 55).
Der finanzielle Schaden durch Schockanrufe steigt.
Für 2026 gibt es noch keine Statistik. Die Prognose der Kriminalisten ist allerdings düster. Das Landeskriminalamt gibt an, dass sich die Zahl der erfassten Fälle allein bis zum Ende des dritten Quartals dieses Jahres um 80 Prozent erhöht hat, die Schadenssumme verdoppelte sich im Vergleichszeitraum (Januar–September 2025/2026) nahezu.
Oft stecke eine ganz "Call-Center–Betrugsindustrie" dahinter, so das LKA. Aus dessen Statistik ist auch ersichtlich: Viele Betrugsversuche laufen zwar ins Leere – die Kriminellen brauchen also viele Versuche, um ans Ziel zu kommen. Aber wenn es ihnen gelingt, ist der Schaden meist mindestens im fünfstelligen Bereich und somit immens. Mit steigender Tendenz.
Schockanruf – wie reagiert man richtig?
Die Tipps der Polizei sind klar.
- Sofort auflegen: Gespräch beenden, sobald Sie unter Druck gesetzt werden.
- Selbst kontaktieren: Familienmitglieder selbst unter der eigenen Nummer anrufen
- Nichts herausgeben: Polizei, Staatsanwaltschaften oder Gerichte fordern niemals am Telefon Geld, Schmuck oder eine Bank-PIN
- Notruf wählen: Im Verdachtsfall die 110 anrufen
Als Grit Kilian-Moritz mit ihren Beispielen fertig ist, sind fast zwei Stunden vergangen. Am Ende legt sie allen noch die Infobroschüren ans Herz, darunter auch kleine Pappaufsteller, die man als Gedankenstütze neben das Telefon stellen kann. Die Männer und Frauen in Piskaborn greifen zu. Die restlichen Materialien landen wieder im Rollkoffer. Mit dem wird die Polizeihauptkommissarin am folgenden Tag zur nächsten Veranstaltung unterwegs sein.
MDR (Tanja Ries, Ingvar Jensen)