US-Zinsen so hoch wie zuletzt in der Finanzkrise 2008


Die US-Notenbank Fed kann für den liquidesten Kapitalmarkt der Welt direkt nur die kurzfristigen Zinsen steuern. Die langfristigen Zinsen klettern dort langsam, aber stetig nach oben. Seit Juni rentieren Staatsanleihen mit dreißig Jahren Laufzeit oberhalb von fünf Prozent – erstmals seit der Finanzkrise 2007 halten sie sich dauerhaft auf diesem hohen Niveau. Viele ausländische Gläubiger der USA, allen voran China, ziehen sich trotz der höheren Renditen als Käufer von US-Staatsanleihen tendenziell zurück, während Japan an Bedeutung gewinnt. Doch der schwache Yen weckt Zweifel an der dauerhaften Nachfrage aus Japan. Wie passt das alles zusammen?

Die Aktienmärkte auf der Welt haussieren. Auch der deutsche Leitaktienindex Dax überwand am Montag wieder die Marke von 26.400 Punkten und kam seinem erst am 7. August aufgestellten Rekord im Handelsverlauf von 26.440 Punkten sehr nahe. Eine gängige Erklärung dafür lautet, dass eine bisher weitgehend erwartete Leitzinserhöhung in den USA im September unwahrscheinlicher geworden ist. Denn der Arbeitsmarkt in den Vereinigten Staaten befindet sich nach den jüngsten, am Freitag veröffentlichten Daten des Arbeitsmarktministeriums in Washington in einem überraschend schwachen Zustand.

Überraschend schwacher Arbeitsmarkt in den USA

Anstelle des von der Fachwelt erwarteten Zuwachses von 89.000 Stellen sind in den USA im vergangenen Monat 23.000 Arbeitsplätze außerhalb der Landwirtschaft weggefallen, und auch die für Juni und Mai zuvor gemeldeten Stellenzuwächse wurden nach unten korrigiert. Für Mark Zandi, den Chefvolkswirt der Ratingagentur Moody’s, ist „das Stellenwachstum praktisch zum Stillstand gekommen“.

Und aus Sicht von Christian Scherrmann, Chefvolkswirt USA der größten deutschen Fondsgesellschaft DWS, sendet der Arbeitsmarktbericht eine klare Botschaft: Er signalisiert eine Verlangsamung der Wirtschaftstätigkeit. Gleichzeitig bleibt die Inflation hartnäckig hoch. An diesem Mittwoch wird der Anstieg der Verbraucherpreise im Juli veröffentlicht. Im Juni wuchs dieser sogenannte CPI-Wert um 3,5 Prozent. Scherrmann spricht von „dem zunehmenden Risiko einer stagflationsähnlichen Situation“. Tatsächlich wuchs die US-Wirtschaft zuletzt nur noch um 1,5 Prozent im Jahresvergleich, während die Inflation eben hartnäckig hoch ist. Daher zweifeln viele Anleger nun daran, ob die US-Notenbank Fed ihren Leitzins im September anheben wird – um vorrangig die Inflation zu bekämpfen, mit der Gefahr, die Wirtschaftsleistung und damit den Arbeitsmarkt weiter zu schwächen.

Seit dem 22. Mai ist Kevin Warsh Vorsitzender der Fed. Warsh trat damals auf Vorschlag von US-Präsident Donald Trump die Nachfolge von Jerome Powell an, den Trump einst an die Spitze der Notenbank berufen und später als „Dummkopf“ beleidigt hat. Den Forderungen von Trump, die Leitzinsen zu senken, damit die Finanzierungsbedingungen für Unternehmen und Immobilienprojekte zu verbessern und dem Staat die Schuldenaufnahme und deren Bedienung zu erleichtern, hat auch Warsh bisher widerstanden.

Zweimal tagte der Offenmarktausschuss der Fed bisher unter seiner Leitung, zweimal blieb das Zielband für Tagesgeld unverändert in der Spanne zwischen 3,50 und 3,75 Prozent. Zuletzt stimmten allerdings immerhin drei von zwölf Notenbankern für eine Zinserhöhung. Nach dem schwächeren Arbeitsmarktbericht gerät die Fed nun zunehmend in den Konflikt, welches ihrer beiden Mandate sie ernster nehmen soll: die Inflation auf zwei Prozent zu begrenzen oder für eine „maximale Beschäftigung“ zu sorgen.

Inflation in den USA mit mindestens 3,5 Prozent hartnäckig hoch

Seit fünf Jahren verfehlt die Fed ihr Ziel, die Inflationsrate bei zwei Prozent zu halten. Zuletzt zeigte der Preisindex für private Konsumausgaben (PCE), auf den die Fed besonders schaut, im Juni eine jährliche Steigerungsrate von sogar 3,7 Prozent. Die nächste PCE-Rate wird allerdings erst Ende August veröffentlicht. Bis dahin könnten noch andere Risiken dazukommen. Die USA benötigen auch in diesem Jahr ein Haushaltsdefizit von sechs bis sieben Prozent, das mit Anleihekäufen über den Kapitalmarkt gedeckt werden muss. Richard Clarida, von September 2018 an dreieinhalb Jahre Vizechef der Fed und heute Geschäftsführer der Fondsgesellschaft Pimco, sieht die USA auf einem „nicht tragbaren fiskalischen Kurs“.

Im zweiten Halbjahr 2026 will das US-Finanzministerium voraussichtlich rund 1,4 Billionen US-Dollar an marktgängigen Schuldtiteln netto aufnehmen – zusätzlich zu den 32 Billionen Dollar, die schon von Anlegern als Gläubigern der USA gehalten werden und einen Schuldenstand von rund 120 Prozent einer Jahreswirtschaftsleistung ausmachen. Zuletzt waren Anleiheverkäufe nur noch möglich, wenn die USA dafür höhere Renditen boten. Trotz der von der Fed unverändert gelassenen Zielzinszone für Tagesgeld von 3,5 bis 3,75 Prozent kletterten vor allem die Renditen für fünf Jahre in den vergangenen drei Monaten deutlich. Auffällig ist eben auch das Verharren der mit Blick auf die Rückzahlung besonders riskanten erst in 30 Jahren fälligen US-Staatsanleihen bei mehr als fünf Prozent Rendite.

USA stützen am Devisenmarkt den tief gefallenen Yen

Ende 2025 hielten ausländische Gläubiger nur noch 31 Prozent der US-Staatsschuld, während der Finanzkrise 2008/2009, als die Rendite zuletzt so hoch war, befand sich noch mehr als die Hälfte der US-Staatsanleihen in den Händen ausländischer Gläubiger. Zeitweise hatte China auch Japan als den wichtigsten ausländischen Gläubiger abgelöst. Indem sie US-Staatsanleihen kaufte, refinanzierte die Volksrepublik ein Stück weit den Handelsüberschuss mit den USA. Seit US-Präsident Donald Trump gerade für China die Zölle stark erhöht hat, fließen mehr der oft sehr billigen chinesischen Waren nach Europa, und auch das Finanzierungsband zwischen China und den USA lockert sich.

Japan ist somit wieder zum wichtigsten ausländischen Gläubiger der USA geworden. So erklärt sich, warum die USA Ende Juli in einer gemeinsamen Aktion mit Japan angeblich in einer Größenordnung von etwa fünf bis zehn Milliarden Dollar am Devisenmarkt japanische Yen gekauft haben – die erste Intervention dieser Art seit 2011, womöglich sogar seit 1998. Zuvor war der Yen auf den tiefsten Kurs seit den 1980er-Jahren gefallen. Wegen des gesunkenen Wechselkurses gab es in Washington Befürchtungen, Japan könnte künftig weniger US-Staatsanleihen kaufen oder sogar einen Teil seines Bestandes verkaufen.