Schweinerei auf dem Friedhof: Wie Unbekannte immer wieder Zäune zerstören


Die Toten haben an diesem Ort ein ziemlich perfektes Zuhause gefunden – und damit auch die Trauer der Hinterbliebenen. Dieser Berliner Friedhof ist einer der schönsten in ganz Deutschland, denn hier ist es ganz anders als in der Großstadt üblich: Dort leben nicht nur die Menschen meist recht kaserniert, auch ihre Gräber werden oft auf engem Raum dicht gedrängt in Reih und Glied angelegt.

Doch der Südwestkirchhof in Stahnsdorf ist riesig, der zweitgrößte Friedhof Deutschlands – außerdem wirkt er durch die unzähligen alten Bäume eher wie ein Wald.

Alles hat Weite und Raum: der Glaube, der Tod, das Leben, die Stille. Denn obwohl dieser Flecken heiliger Erde eingeklemmt ist zwischen zwei großen Städten, zwischen dem überdrehten Berlin und der Touristenstadt Potsdam, ist es wirklich still.

Entfernt ist ein Vogel zu hören, nun rollt ein Auto mit Berliner Kennzeichen sehr langsam heran, weil das Kopfsteinpflaster extrem holprig ist. Eine Frau ganz in Schwarz steigt aus und geht mit ihrem Blumengebinde zum Tor. Der Rest ist Schweigen.

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Doch die Ruhe ist trügerisch, denn seit Wochen sorgen immer wieder Schlagzeilen für Aufsehen, die nicht zu einem Gottesacker passen wollen: Auf dem Friedhof – der zu Berlin gehört, sich aber gleich hinter der Grenze in Brandenburg befindet – werden Straftaten begangen. Das passiert immer wieder. Und es ist sehr schwer, die Täter zu fassen, denn der Friedhof ist mit 206 Hektar so groß wie 290 Fußballfelder.

Ziemlich sinnlose Taten

Der oder die Täter sind keine Grabschänder oder Metalldiebe, die Bronzeskulpturen stehlen. „Jemand zerstört regelmäßig die Zäune“, sagt der Friedhofsverwalter Olaf Ihlefeld. „Da ist sehr viel kriminelle Energie im Spiel und sehr viel böser Wille.“ Es ist zu hören, wie verärgert er ist, aber auch wie hilflos. Denn niemand kann sich bislang einen Reim auf die ziemlich sinnlosen Taten machen. „Da will uns jemand ganz gezielt schädigen“, meint der 58-Jährige.

Ein paar kaputte Zäune, das klingt erst mal nicht dramatisch, doch es ist mehr als Sachbeschädigung – eine Straftat: Es geht um Zerstörung von denkmalgeschütztem Kulturgut. Die Schäden an den Zäunen mögen überschaubar sein, aber die Kosten der langfristigen Folgen sind um ein Vielfaches höher. „Ich mache das seit 37 Jahren: Wir haben fast immer mit Wildschweinen zu tun gehabt, aber so massiv noch nie.“

Südwestkirchhof Stahnsdorf: Die Gräber auf diesem Waldfriedhof sind teilweise sehr imposant.

Südwestkirchhof Stahnsdorf: Die Gräber auf diesem Waldfriedhof sind teilweise sehr imposant.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Draußen vor dem Friedhof nimmt er einen Zettel ab, denn ein Problem ist gelöst, das viele hier bewegt hat: Drei Wochen lang war die Brunnenanlage kaputt, die Blumen auf den Gräbern konnten nicht gegossen werden. Nun hängt er Werbung für die nächsten Friedhofsführungen an die Tafel neben der weißen Eingangstür, die immer geschlossen gehalten wird.

Die meisten Friedhöfe sind Orte der offenen Türen. Hier aber müssen alle, die reinwollen, die Klinke drücken: Trauergäste, die zu jeder vollen Stunde zu Beerdigungen in der Norwegischen Kapelle kommen, Angehörige, die an die Gräber der Verwandten gehen, oder Schaulustige aus Indien oder Argentinien, die zur Kapelle wollen, weil auch dort die erfolgreichste deutsche Netflix-Serie „Dark“ gedreht wurde.

Andere besuchen die Prominentengräber – von Theodor Fontane und Heinrich Zille über Walter Gropius und Werner von Siemens bis Manfred Krug und Dieter-Thomas Heck.

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Alle sind willkommen, außer die wilden Tiere. Die Rehe fressen die jungen Triebe von Bäumen, aber viel gravierender sind die Wildschweine, die in der Region zwischen Grunewald und Potsdam eine echte Plage sind und sogar in den Orten gejagt werden. Gerade schrieb Bodo Krause, der Bürgermeister des Nachbarortes Kleinmachnow, in einer Mitteilung: „Das Thema hat für uns höchste Priorität.“ Seit April seien 114 Schweine im Pachtgebiet Kleinmachnow-Stahnsdorf geschossen worden – das waren in einem halben Jahr sieben mehr als im gesamten Jagdjahr davor.

„Deshalb halten wir die Türen immer geschlossen“, erklärt Ihlefeld und geht am breiten Hauptweg zu einem Blumenbeet. „Das ist ganz frisch, das ist von heute Nacht.“ Er meint die Schäden. Selbst Laien erkennen, wie massiv sie sind und dass das kein Hund oder Mensch war, sondern Wildschweine, die mit ihren kräftigen Schnauzen den Boden durchwühlen nach Blumenzwiebeln, Schnecken, Kastanien, Eicheln.

Auf dem Rasen ist ein drei Meter breites und 30 Meter langes Beet mit Büschen und Blumen angelegt. Alles ist aufgewühlt oder rausgerissen. „Ein Gärtner würde vier Arbeitstage brauchen, um das wieder in Ordnung zu bringen.“

20 Jäger auf dem Friedhof

Vom Schweineproblem hat Ihlefeld schon beim ersten Besuch vor 20 Jahren erzählt. Damals hatten Täter die Zäune aufgeschnitten. „Aber es waren immer nur eine oder zwei Stellen. Da haben wir uns gedacht, das sind Menschen, denen die Tiere leidtun. Deren Ziel war, dass die Tiere hier reinsollen, um was zu futtern zu finden – ein völliges Fehlverständnis über Wildtiere.“

Die Gärtner suchten dann die Zäune ab und reparierten alle Löcher. Ihlefeld machte Termine mit Jägern. Es gab sogar richtige „Ansitzdrückjagden“: Der Friedhof wurde von Besuchern geräumt und abgesperrt, dann scheuchten Treiber die Schweine auf – und knapp 20 Jäger versuchten es. Das klappte oft nicht, weil es kaum ein freies Schussfeld gibt. Es ist ein Waldfriedhof in Reinform. Die Grundidee ist Asymmetrie, überall verschlungene Waldwege.

Der Chef: Olaf Ihlefeld leitet seit 37 Jahren den Südwestkirchhof Stahnsdorf.

Der Chef: Olaf Ihlefeld leitet seit 37 Jahren den Südwestkirchhof Stahnsdorf.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Bei den Zäunen geht es um vier Kilometer. „Die Gärtner sind auf allen Vieren auf dem Boden entlang und haben Stahlgitter und Baustabmatten mühevoll am Fuße des Zauns eingegraben, als Durchgrabschutz.“ An den Seiten zu Feldern und Wäldern stellten sie vor den Maschendrahtzaun noch einen Wildzaun. Das sind enorme Kosten, das frisst viele Arbeitsstunden. „Irgendwann waren wir erfolgreich“, sagt Ihlefeld und lächelt. „Wir waren sechs Jahre wildschweinfrei. Das war extremer Luxus: Es wurden keine Grabfelder mehr zerstört.“

Dann wurde Anfang September wieder ein Schwein gesichtet. „Kann mal passieren, dachten wir, eine offene Tür.“ Das hofften sie jedenfalls. Ihlefeld geht hinüber zu der großen Überblickstafel, auf der alle Grabfelder eingezeichnet sind – 150.000 Gräber auf dem zehntgrößten Friedhof der Welt. Dann wurden doch Löcher im Zaun gefunden. Einige im Ort sagten, die Wildschweine hätten den Zaun selbst aufgebissen, erzählt er. „Das schaffen die nicht, der Wildzaun ist aus gehärtetem Stahl. Da sind Bolzenschneider nötig, auch die Stabmatten am Boden sind aus dickem Stahl.“

Aufgewühlt: An manchen Stellen sind die Schäden durch die Wildschweine flächendeckend.

Aufgewühlt: An manchen Stellen sind die Schäden durch die Wildschweine flächendeckend.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Auf dem Übersichtsplan zeigt Ihlefeld die 18 Stellen mit den Löchern – auf vier von fünf Seiten des Friedhofs. Es sind nicht einfach offene Löcher. „Das Ganze ist ganz raffiniert gemacht und zeigt die kriminelle Energie.“ Spaziergänger würden die Löcher nicht erkennen, nur Profis mit geschärftem Blick. Die Täter schnitten den Zaun von oben nach unten auf, sodass sich eine Art Durchgang ergab, den sie hängen ließen.

„Wildschweine sind intelligent, die laufen außen den Zaun ab. Sie wollen rein“, sagt er. „Das kann ich ihnen nicht verdenken, hier gibt es lecker Futter.“ Wenn ein Zaunfeld wackelt, gehen die Tiere durch. Die Täter haben die Durchgänge mit einer speziellen Klapptechnik versehen, damit die Tiere reinkommen, aber nicht mehr raus. „Die Leute, die uns das angetan haben, wollen uns als Institution maximal schädigen.“ Natürlich seien das nur Mutmaßungen, weil sie die Täter nicht kennen.

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Anfangs wurde auch über ein politisches Motiv nachgedacht: Der Friedhof wurde 1909 angelegt, als Berlin nicht mehr genug Platz hatte für solch große Grabfelder. Hier liegen bekannte Künstler und deutsche Soldaten aus beiden Weltkriegen, hier liegen Juden und Euthanasieopfer der Nazis, hier liegen Nazis und Berliner, die bei Bombenangriffen der Alliierten starben, hier gibt es englische und italienische Soldatengräber. Es gäbe also auch politische Ansatzpunkte. „Aber es gibt nicht die üblichen Bekennerschreiben“, sagt Ihlefeld. „Die Taten sind gezielt und vorsätzlich. Es ist aber offenbar nichts Militantes, nichts Antisemitisches, nichts Politisches“, schlussfolgert er.

Die Trauer wird massiv gestört

Der 58-Jährige ist gelernter Gärtner und wurde vor 37 Jahren gleich als Chef eingesetzt. Der gebürtige Potsdamer war der jüngste Friedhofsleiter, er machte als Erster Open-Air-Veranstaltungen auf einem Friedhof, Filmvorführungen, Konzerte, Ballett. „Aber es gibt immer auch negative Seiten: nicht nur Schweine, lange auch Kupferdiebe.“

Er geht weiter unter Eichen, Kiefern und Douglasien zu einer weiten Fläche: ein großer Stein, das Eiserne Kreuz mit der Jahreszahl 1914 – eine Gedenkstätte für Tote des Ersten Weltkriegs. Da liegt Walter Kaiser, ein Fliegergefreiter, gefallen am 1. September 1917, dazu zwei Dutzend andere Gräber, und alles ist aufgewühlt. „Unser Förster hat tagsüber mal eine schlafende Gruppe aufgescheucht“, erzählt er. 15 Tiere, am anderen Ende des Friedhofs waren noch fünf Schweine. „So viele waren es noch nie.“

Legendär: An der Norwegischen Kirche wurde auch die Netflix-Serie „Dark“ gedreht – viele internationale Besucher kommen deswegen nach Stahnsdorf.

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© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Besonders dramatisch ist, dass die Angriffe ausgerechnet im Herbst stattfinden, in der Jahreszeit, in der Sterben, Tod und Trauer sowieso im Fokus stehen: Zum Totensonntag und Volkstrauertag pflegen die meisten ihre Familiengräber, im November ist auch Remembrance Day, der offizielle Gedenktag der Briten für ihre Kriegstoten. „Hier kommen Leute aus England, um die Gräber ihrer Vorfahren zu besuchen – und dann sind die aufgewühlt“, sagt Ihlefeld. „Egal ob Promi-Grab, Soldatengrab oder ein anderes Grab – für Angehörige ist es emotional hoch zehn. Ihre Trauer wird massiv gestört. Das ist das Hauptproblem.“

Lockstoff von Jägern verwendet

Plötzlich bleibt er stehen und hebt die Hand. Er schnüffelt, saugt Luft ein. „Riechen Sie das?“ Er zeigt auf Büsche neben dem Weg. Dort waren einst Gräber, alte, verbogene Zierzäune ragen schief aus dem Blattgrün. „Da sind sie irgendwo und schlafen. Die lassen sich tagsüber überhaupt nicht stören, aber nachts werden sie wieder aktiv.“

Dann sind wir beim stattlichen Grab von Ferdinand von Richthofen, einem bedeutenden Geografen und Asienforscher. Dahinter war ein großes Loch – Maschendraht und Wildzaun waren per Bolzenschneider geöffnet und sind nun mit massiven Stahlgittern geflickt. Die Stelle zeigt das ganze Dilemma. Es wurde von innen gewühlt. Die Wildschweine wollten wieder raus, können aber nicht, denn der Zaun darf nicht offen bleiben.

Viel Arbeit: Die Löcher im Zaun müssen aufwendig repariert werden.

Viel Arbeit: Die Löcher im Zaun müssen aufwendig repariert werden.

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Denn es ist eine Art Köderstelle, die so streng riecht wie eine Aalräucherbude an der Ostsee. An den Stamm einer Robinie haben die Täter eine Art Teer geschmiert. Den Köderstoff nutzen Jäger, um Schweine vor die Flinte zu locken. „Die Tiere werden gezielt von außen in den Friedhof gelockt.“

Die 13 Gärtner kontrollieren und reparieren jeden Tag, denn es gibt fast immer neue Stellen. „Heute war ein großes Loch an der Westseite“, sagt Ihlefeld. „Von den anderen Seiten habe ich noch keine Rückmeldung.“ Wie lange wird es dauern, bis die 20 Schweine wieder weg sind? „Das dauert nicht Monate, das dauert Jahre.“ Geht damit der Schaden langfristig in die Hunderttausende? „Das könnte man so sehen.“

Die Köderstelle: Olaf Ihlefeld am Baumstamm mit dem Lockmittel für die Wildschweine

Die Köderstelle: Olaf Ihlefeld am Baumstamm mit dem Lockmittel für die Wildschweine

© Jens Blankennagel/Berliner Zeitung

Neben den vielen Besuchern, die immer im Trauerherbst kommen, pilgern nun auch Naturfreunde wegen der wunderschönen Laubfärbung zum Waldfriedhof. Und sie alle sehen, welche massiven Folgen solche vermeintlich kleinen Straftaten haben.

Olaf Ihlefeld erzählt von Anrufen aus dem gesamten Bundesgebiet. Eine ältere Dame aus Essen verriet ihm einen todsicheren Tipp. „Wir sollen ganz viele weiße Urinalsteine für Männertoiletten verteilen.“ Der Geruch hätte in ihrem Garten die Wildschweine vertrieben. Er lächelt: „Ich habe sie nur gefragt: Wie viele tausend Steine müsste ich denn bei 206 Hektar verteilen?“

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