Sohn von Friedrich Merz warnt Lehrer: „Werte sind nur wirkungsvoll, wenn sie gelebt werden"
Stand: 25.09.2026, 22:16 Uhr
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Beim Fachtag des Staatlichen Schulamts in Fritzlar sprach Philosoph Philippe Merz über Wertevermittlung im Unterricht. Er warnte dabei vor einem Feld, das er keinesfalls den Gegnern der Demokratie überlassen will.
Fritzlar – Werte sind heute allgegenwärtig. Beinahe jedes Unternehmen hat für sich einen eigenen Wertekompass formuliert. In parteipolitischen Reden dienen Werte entweder der Identifikation oder der Ausgrenzung. Und die rasche Entwicklung Künstlicher Intelligenz wirft tiefgreifende gesellschaftliche und ethische Fragen auf. Das Staatliche Schulamt für den Schwalm-Eder-Kreis und Waldeck-Frankenberg möchte das Thema Werte dorthin bringen, wo die Unternehmer, Politiker, Software-Entwickler und Wähler von morgen sitzen: ins Klassenzimmer. Beim Fachtag „Sprache fördern, Werte vermitteln“ in Fritzlar diskutierten rund 90 Lehrkräfte aus dem Schulamtsbezirk darüber, wie Werte für Schülerinnen und Schüler erleb- und erfahrbar werden können.

Für den Fachtag an der Reichspräsident-Friedrich-Ebert-Schule hatten Christina Tintera-Heiwig und Sebastian Jacob vom Staatlichen Schulamt einen besonderen Gast eingeladen: Dr. Philippe Merz, Mitbegründer und Geschäftsführer der Thales-Akademie für angewandte Philosophie in Freiburg. Der promovierte Philosoph ist der Sohn von Bundeskanzler Friedrich Merz. Doch das war in Fritzlar nebensächlich. In der Domstadt und dem Landkreis war Merz zum ersten Mal. Sein erster Eindruck: „supersympathisch“. Den Landkreis Waldeck-Frankenberg kenne er besser, als Kind sei er gelegentlich in Willingen gewesen, erzählte er im Gespräch mit unserer Zeitung. Bei seinem aktuellen Besuch im Schwalm-Eder-Kreis sei er auf großes Interesse gestoßen, was sein Vortragsthema angehe: wie Werte wirken und das gesellschaftliche Miteinander prägen.
Werte brauchen Klarheit
Zunächst mussten jedoch die Lehrkräfte ran. In verschiedenen Workshops waren sie angehalten, miteinander ins Gespräch zu kommen. Etwa darüber, wie persönliche Werte das eigene Handeln in Alltag und Beruf beeinflussen. Impulsredner Philippe Merz wurde anschließend ganz grundsätzlich: Was sind Werte eigentlich? „Werte zeigen, wer ich bin“, sagte Merz. Sie seien allgegenwärtig und unsichtbar zugleich. „Werte kommen abstrakt daher, haben aber ihre Grundlage in dem, was wir permanent tun: bewerten.“ Zudem böten Werte Orientierung: Wo mache ich mit und wo halte ich mich heraus? Das seien Alltagsentscheidungen, die jeder tagtäglich treffe.
Auch in anderen Kontexten spielten Werte eine Rolle. „Viele fühlen sich über Werte mit ihrem Arbeitgeber verbunden“, erklärte Merz. Es sei jedoch Vorsicht geboten: „Werte sind nur wirkungsvoll, wenn sie gelebt werden und nicht bloße Papiertiger sind.“ Zudem seien Werte anfällig für Instrumentalisierung und Missbrauch. Um sich zu schützen, sei es wichtig, Klarheit über die eigenen Werte zu schaffen. Sonst bestehe die Gefahr, sich vereinnahmen zu lassen, oder ein Leben zu leben, das nicht wirklich das eigene ist.
„Auf gesellschaftlicher Ebene können wir Werte nicht erzwingen“, sagte Merz, „wir können sie aber kultivieren und vorleben.“ Das gelte insbesondere in der Schule. Lehrkräfte könnten Schülerinnen und Schülern positive Rückmeldungen in der Sprache geben. Etwa deren Hilfsbereitschaft und Empathie loben. Auch Konfliktgespräche könnten mit Verweis auf Werteverletzungen stattfinden. Eine teilnehmende Lehrerin trieb die Frage nach Wertevermittlung in Zeiten von Künstlicher Intelligenz um. „Wir sollten uns fragen, wie wir attraktive Gegenangebote machen können“, sagte Merz. Ihm sei es etwa wichtig, mit seinen Kindern draußen in der Natur Abenteuer zu erleben, etwa Berge zu erklimmen. So lernten sie, Widerstände zu überwinden. „Sie erleben eine positive Gegenwelt zu dem, was sie am Bildschirm sehen.“
Vor Vereinnahmung von Rechts schützen
Eine weitere Lehrerin brachte die Bedeutung des Engagements für andere in die Debatte ein. Etwa bei der Feuerwehr. „Es geht darum, dass ich für andere da bin, wenn‘s im wahrsten Sinne des Wortes brennt“, sagte Merz. Habe ein junger Mensch ein Ziel, das über ihn selbst hinausgehe, erlebe er ein Gefühl von Sinn. „Wir sollten Jugendlichen helfen, diese generative Sehnsucht zu stillen“, erklärte der Philosoph. Dieses Feld dürfe nicht den Gegnern der Demokratie überlassen werden. Politiker und Aktivisten am rechten Rand seien viel besser darin, diese Art von Sinn zu schüren. „Sie sagen: ‚Mit uns seid ihr an etwas Großem dran.‘“ Es sei entscheidend, dass der Rest der Gesellschaft gute demokratische Angebote mache.