Studiert – und trotzdem Helfer: Wie Deutschland ausländische Fachkräfte ausbremst
Stand: 04.10.2026, 13:21 Uhr
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Deutschland sucht händeringend Fachkräfte. Gleichzeitig arbeiten hier bereits Menschen mit Berufs- und Studienabschlüssen, die ihre Qualifikation gar nicht einsetzen dürfen.
Frankfurt – Deutschland ist auf Arbeitskräfte aus dem Ausland angewiesen wie selten zuvor. Doch ausgerechnet bei einem Teil der Menschen, die bereits im Land arbeiten und eine Qualifikation mitbringen, bleibt dieses Potenzial ungenutzt. Selbst ausländische Beschäftigte mit Studienabschluss arbeiten auffallend häufig in Helfertätigkeiten. Experten sehen einen Grund dafür in langwierigen und komplizierten Anerkennungsverfahren.

Die Zahlen zeigen den Widerspruch. Binnen eines Jahres sank die Zahl der deutschen Beschäftigten um 269.000 auf knapp 29 Millionen. Gleichzeitig kamen 194.000 ausländische Beschäftigte hinzu, sodass mittlerweile mehr als 5,9 Millionen Menschen mit ausländischer Staatsangehörigkeit in Deutschland beschäftigt sind. Unter dem Strich ging die Beschäftigung dennoch um 75.000 Personen zurück. Insgesamt haben inzwischen 17 Prozent der Beschäftigten einen ausländischen Pass.
Ausländische Fachkräfte arbeiten oft unter ihrer Qualifikation
Gerade in Branchen mit großen Personalproblemen ist ihre Bedeutung hoch. In der Pflege kommt bereits mehr als jeder fünfte Beschäftigte aus dem Ausland. Gleichzeitig gelingt es Deutschland nur unzureichend, vorhandene Qualifikationen zu nutzen. Fast 36 Prozent der ausländischen Beschäftigten arbeiten auf Helferniveau, bei deutschen Beschäftigten sind es gut zwölf Prozent.
Selbst unter Ausländern mit anerkanntem Berufsabschluss liegt der Helferanteil bei gut 29 Prozent. Und auch von den ausländischen Beschäftigten mit Studienabschluss arbeiten 12,5 Prozent als Helfer – jeder Achte.
| Beschäftigte in Deutschland | Anteil auf Helferniveau |
| Deutsche Beschäftigte | gut 12 % |
| Ausländische Beschäftigte insgesamt | fast 36 % |
| Ausländer mit anerkanntem Berufsabschluss | gut 29 % |
| Ausländer mit Studienabschluss | 12,5 % |
Ausländische Fachkräfte warten monatelang auf ihre Anerkennung
Sultan Waraich erlebt diese Diskrepanz regelmäßig. Er ist Geschäftsführer der Recruiting-Agentur Curato, die Unternehmen und Gesundheitseinrichtungen bei der Gewinnung von Fachkräften unterstützt. „Das kommt sehr häufig vor“, sagt Waraich über Beschäftigte, die zunächst deutlich unterhalb ihrer eigentlichen Qualifikation eingesetzt werden.
Aus Kliniken und Pflegeeinrichtungen höre er immer wieder ähnliche Geschichten: „Die Qualifikation passt, die Person ist eingestellt, und trotzdem darf sie über Monate nicht das tun, wofür sie ausgebildet wurde.“

Besonders sichtbar wird das Problem bei reglementierten Berufen. Wer etwa als Pflegefachkraft eine ausländische Berufsqualifikation mitbringt, benötigt für die volle Berufsausübung in Deutschland eine Anerkennung. Das offizielle Portal „Anerkennung in Deutschland“ nennt für das eigentliche Verfahren in der Regel drei bis vier Monate – gerechnet ab dem Zeitpunkt, zu dem sämtliche erforderlichen Unterlagen vollständig vorliegen.
Werden dabei wesentliche Unterschiede zur deutschen Ausbildung festgestellt, können anschließend zusätzliche Qualifizierungen notwendig werden. Eine Möglichkeit ist ein Anpassungslehrgang. Das Regierungspräsidium Stuttgart nennt für solche Lehrgänge in der Pflege im Durchschnitt weitere acht bis elf Monate. Die Dauer hängt vom Einzelfall und den bereits vorhandenen Kompetenzen ab.
Müssen beide Phasen nacheinander vollständig durchlaufen werden, können sich die Zeiträume damit auf elf bis 15 Monate summieren. Hinzu kommt nach Einschätzung Waraichs ein weiteres Problem: Verfahren und Zuständigkeiten sind regional unterschiedlich organisiert. Gerade für Unternehmen mit mehreren Standorten erschwere das die Planung.
Selbst bei Triple Win endet die Anerkennung oft erst in Deutschland
Wie aufwendig die Verfahren sein können, zeigt auch das staatlich organisierte Programm „Triple Win“. Seit 2013 vermittelt die Bundesagentur für Arbeit gemeinsam mit der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit Pflegepersonal aus Drittstaaten nach Deutschland. Mehr als 8000 Pflegekräfte und über 600 Auszubildende wurden bislang an mehr als 400 Einrichtungen vermittelt.
Die Abschlüsse der ausgewählten Pflegekräfte werden bereits vorab geprüft und müssen in Deutschland anerkennungsfähig sein. Der Anerkennungsprozess wird vor der Einreise angestoßen, ist damit aber nicht zwangsläufig abgeschlossen. Nach der Ankunft folgen je nach Fall weitere Sprachqualifizierungen sowie ein Anpassungslehrgang oder eine Kenntnisprüfung bis zur Anerkennungsurkunde. Die Einreise erfolgt nach Angaben der Bundesagentur in der Regel sechs bis zwölf Monate nach Beginn des Prozesses.
Für Waraich entstehen dadurch nicht nur für die Beschäftigten, sondern auch für Arbeitgeber Probleme. Eine Klinik könne dringend eine voll anerkannte Fachkraft benötigen und gleichzeitig bereits einen entsprechend ausgebildeten Menschen beschäftigen, der wegen der fehlenden Anerkennung noch nicht als Fachkraft eingesetzt werden dürfe.
Die offene Stelle müsse dann möglicherweise zusätzlich durch Überstunden, Zeitarbeit oder weiteres Personal abgedeckt werden. Waraich spricht von „doppelten Kosten für eine einzige offene Stelle“.
Fachkräftemangel kostet Deutschland Milliarden
Wie hoch der volkswirtschaftliche Schaden allein durch nicht genutzte Qualifikationen ausländischer Beschäftigter ist, lässt sich nicht seriös beziffern. Die Dimension des gesamten Fachkräftemangels ist allerdings erheblich.
Das Institut der deutschen Wirtschaft errechnete für 2024 ein entgangenes Produktionspotenzial von rund 49 Milliarden Euro. Für 2027 prognostizierten die Forscher einen Anstieg auf 74 Milliarden Euro. Diese Summen beziehen sich auf den gesamten Fachkräftemangel und ausdrücklich nicht allein auf ausländische Beschäftigte oder langwierige Anerkennungsverfahren.
Der Zusammenhang zeigt dennoch, wie wertvoll vorhandene Qualifikationen für den deutschen Arbeitsmarkt sind. Das gilt umso mehr, weil der demografische Wandel das Angebot heimischer Arbeitskräfte in den kommenden Jahren weiter verkleinern dürfte.
Deutschland konkurriert international um Fachkräfte
Für Deutschland geht es deshalb nicht nur darum, Menschen ins Land zu holen. Entscheidend ist auch, sie zu halten. Waraich berichtet aus internationalen Recruiting-Kampagnen von grundsätzlich großem Interesse an Deutschland. Sobald Visa-, Behörden- und Anerkennungsfragen konkret würden, springe jedoch ein Teil der Kandidaten ab.
Deutschland kann dabei nicht davon ausgehen, automatisch erste Wahl zu sein. Im OECD-Ranking zur Attraktivität für hochqualifizierte ausländische Fachkräfte lag die Bundesrepublik 2023 auf Rang 15 von 38 untersuchten Staaten. Länder wie Kanada, die USA, Großbritannien oder Schweden lagen davor.
Frühere Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass eine Beschäftigung unterhalb der eigenen Qualifikation auch zur Abwanderung beitragen kann. In einer Untersuchung unter rund 2000 aus Deutschland fortgezogenen ausländischen Erwerbstätigen bezeichneten sich 27 Prozent rückblickend als überqualifiziert für ihre damalige Tätigkeit. Von diesen arbeiteten 65 Prozent in einfachen Hilfs- und Anlerntätigkeiten.
Fachkräfte müssen nicht nur kommen, sondern auch bleiben
Neben Bürokratie und Anerkennung spielt auch das Arbeitsumfeld eine Rolle. Eine nicht repräsentative Befragung von 224 philippinischen Pflegekräften aus dem Jahr 2023 ergab, dass fast zwei Drittel Rassismus oder andere Formen der Diskriminierung erlebt hatten. Fast die Hälfte gab damals an, Deutschland innerhalb der folgenden fünf Jahre wieder verlassen zu wollen.
Die Untersuchung ist wegen ihrer begrenzten und nicht repräsentativen Stichprobe nicht auf alle ausländischen Pflegekräfte übertragbar. Sie zeigt aber, dass erfolgreiche Fachkräftegewinnung nicht mit der Einreise endet. Entscheidend sind auch Arbeitsbedingungen, Integration und langfristige Perspektiven.
Anerkennung ausländischer Fachkräfte soll berechenbarer werden
Waraich fordert deshalb vor allem mehr Verlässlichkeit. Aus seiner Sicht schrecke Kandidaten nicht nur eine bestimmte Bearbeitungsdauer ab, sondern vor allem die Unsicherheit darüber, wann eine Entscheidung tatsächlich fällt.
Er schlägt eine zentrale Anlaufstelle vor, die Anerkennung, Aufenthaltstitel und Sprachförderung bündelt. Fehlen Dokumente aus dem Herkunftsland oder lassen sich Abschlüsse nur schwer mit deutschen Qualifikationen vergleichen, sollte zudem stärker geprüft werden können, welche praktischen Kompetenzen tatsächlich vorhanden sind. Unternehmen und Bewerber sollten möglichst früh eine verbindliche Zeitschiene erhalten.
Zu einem ähnlichen Schluss kommt die Bertelsmann Stiftung. Sie fordert ein „One-Stop-System“, schnellere digitale Behördenprozesse und bessere Möglichkeiten, fehlende Dokumente durch Qualifikationsanalysen und Kompetenzfeststellungen auszugleichen.
Der Handlungsdruck dürfte weiter wachsen. 2025 galten nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit noch 157 Berufsgattungen als Engpassberufe. Gleichzeitig wird ein wachsender Teil des deutschen Arbeitsmarktes bereits von ausländischen Beschäftigten getragen. (Quellen: Bertelsmann Stiftung, Bundesagentur für Arbeit, Institut der deutschen Wirtschaft, Curato) (mare)