Theseustempel Wien: Ugandische Künstlerin gibt Westen Abfall zurück
Installation
Theseustempel Wien: Ugandische Künstlerin gibt Westen Abfall zurück
In "Kiteezi" kritisiert Künstlerin Njola neokolonialistische Verhältnisse von Konsum und Entsorgung. Sämtliche Objekte wurden aus Müll geschaffen
Ella Kurowski
Wer nach Österreich kommt, der staunt nicht selten über die Sauberkeit hierzulande. Doch der Müll verschwindet nicht einfach – oftmals verlagert er sich nur. Zum Beispiel nach Uganda, mehr als 8000 Kilometer entfernt. Dort deponieren westliche Länder vieles, was ihnen ausgedient hat und was sie selbst nicht beseitigen wollen. Die ugandische Künstlerin Njola alias Nabukenya Allen beschäftigt sich in ihrer Installation Kiteezi im Wiener Theseustempel künstlerisch mit dieser Spannung zwischen globalem Norden und Süden.
Nabukenya Allen wurde 1991 in Uganda geboren, ist Akademikerin und Gründerin zweier Initiativen. Ihre multidisziplinären Arbeiten erinnern regelmäßig an die kollektive Verantwortung in puncto Umweltzerstörung.
Inmitten des Wiener Volksgartens, umgeben von historischen Gebäuden und Massen an Touristen, befindet sich der Theseustempel. Vor gut zwei Jahrhunderten erbaut, beherbergte dieser zunächst eine Skulptur des berühmten Bildhauers Antonio Canova. Seit 2012 stellt der KHM-Museumsverband im Theseustempel jährlich aus. Im Rahmen der neuen Ausstellungsreihe WMW Contemporary rückt dort das Weltmuseum Wien mit Kiteezi bei freiem Eintritt schon zum zweiten Mal ein einzelnes, zeitgenössisches Kunstwerk in den Fokus.
Wer zwischen 11 und 18 Uhr einen Blick in die geöffneten Pforten des Tempels wirft, könnte erschrecken: Eine Mannschaft vermummter Gestalten blickt einem dort entgegen. Wer neugierig (und mutig) ist, wird näher treten und erkennen, dass deren Kleidung nicht aus Textilien besteht. Stattdessen handelt es sich um fein säuberlichst verarbeitete Teile aus Abfall – tragbare Kunst, bezogen aus Ugandas größter Mülldeponie.
Mülldeponie Uganda
Etwas außerhalb der ugandischen Hauptstadt Kampala liegt die Deponie von Kiteezi. Seit Jahrzehnten wird dort täglich tonnenweise Müll abgeladen – vieles davon stammt aus westlichen Ländern. Über die Jahre hat sich daraus ein ernsthaftes infrastrukturelles und soziales Problem entwickelt. Schon 2015 hatte die Deponie eigentlich ihre Kapazitäten erreicht, geschlossen wurde sie trotz Empfehlung der Stadt nicht. Tragische Folgen hatte dies im August 2024, als dutzende Menschen, ausgelöst von einem Erdrutsch, unter Tonnen von Müll begraben und getötet wurden. Diese Katastrophe veranlasste Njola zu einer künstlerischen Auseinandersetzung mit den drastischen Konsequenzen der Wegwerfgesellschaft.
Boda-Bodas in Übergröße
Große Inspiration waren dafür die heimischen "Boda-Boda-Fahrer" (Motorradtaxifahrer). Diese sind aus dem städtischen Leben nicht wegzudenken und leben trotzdem am Rande der Gesellschaft. Sie sind es, die täglich im Umfeld der Deponie arbeiten und eine bedeutende soziale Funktion innehaben. Die ausgestellte Modekollektion orientiert sich am Kleidungs- und Lebensstil dieser Menschen.
Gerade im Kontrast zum weiß strahlenden Marmor des klassizistischen Wiener Bauwerks wirken die 13 Gestalten in der Ausstellung düster und mächtig. Alle bis auf einen sind dem Eingang zugewandt, tragen Helme und wirken futuristisch. Verbunden sind die Puppen durch bunte Schläuche und feine schwarze Fäden aus alten Autoreifen. In der Mitte des Tempels – und der Installation – prangt ein gigantisches "Boda-Boda". Aber noch etwas verbindet die Ausstellungsstücke: Sie alle scheinen übergroß. So gewaltig vielleicht wie das Müllproblem Ugandas und die damit verbundene globale Ungleichheit. (Ella Kurowski, 1.8.2026)
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