Tiergestützte Therapie: Wie Fische und Vögel Kindern und Behinderten helfen
Still liegt der kleine Teich da, umgeben von Bäumen und hohen Gräsern. Die Wasseroberfläche ist spiegelglatt, nichts regt sich. Doch die Ruhe trügt, zumindest in der Wahrnehmung des dreijährigen Robin. „Da drüben, ich habe eine Schlange gesehen!“, ruft er aufgeregt und zeigt mit kleinem Finger ins Unterholz. Die Gruppe schaut ein wenig erschrocken in die Richtung, in die er zeigt, bevor allen klar wird, dass es hier zum Glück keine Schlangen gibt. Was auch immer Robin erblickt hat, entsprang wohl seiner lebhaften Phantasie.
Allmählich legt sich die Aufregung, und die vier Kinder werden schließlich ganz still. Sie warten auf Fische, genauer gesagt auf Kois, eine Karpfenart aus Japan. Noch ist im trüben Nass nichts auszumachen. Das Einzige, was die Stille durchbricht, ist das unermüdliche Quaken der Frösche. Dann bewegt sich etwas, allerdings nicht im Teich, sondern in der Luft: Eine große Libelle zieht dicht über der Wasseroberfläche ihre Bahnen. Kurze Begeisterung flammt bei den Kindern auf, ehe das Insekt wieder verschwindet und die Frage bleibt, wo die Kois denn nun stecken.
Begegnungsort für Menschen mit und ohne Behinderung
Die Kinder dürfen jetzt ein wenig Fischfutter auf dem Wasser ausstreuen. Plötzlich geht alles ganz schnell: Aus dem hinteren Bereich des Teiches sieht man, wie die überraschend großen und bunten Fische angeschwommen kommen. Gebannt beobachten die Kinder jede Bewegung. Da die drei Kois völlig unterschiedliche Färbungen besitzen, lassen sie sich gut auseinanderhalten. Die Kinder zögern nicht lange und ordnen ihnen die treffenden Namen zu: Es gibt „Zebra“, „Schneemann“ und „Dalmatiner“. Obwohl noch mehr Fische im Teich schwimmen, sind diese drei die zutraulichsten. „Zebra ist mein Lieblingsfisch“, sagt der vier Jahre alte Raphael. „Wegen seiner Streifen finde ich ihn am schönsten von allen.“
Was sich hier abspielt, ist kein gewöhnlicher Ausflug einer Kindertagesstätte. Es ist gezielte, professionelle tiergestützte Therapie für eine inklusive Kitagruppe, die Kinder mit und ohne Beeinträchtigungen gemeinsam besuchen.

Der Teich befindet sich auf einem weitläufigen Hof in Roßdorf bei Darmstadt. Die Einrichtung trägt den Namen Animals Helping Handicapped und ist an das Institut für Tiergestützte Intervention des BHZ Roßdorf angegliedert. Die Abkürzung BHZ steht programmatisch für „Begegnen, Handeln und Ziele setzen“. Zum Gesamtkonzept gehören neben der inklusiven Kita „Gartenreich“ auch das gemeinschaftliche Wohnen für Menschen mit Mehrfachbehinderungen, betreutes Wohnen sowie eine Tagesstätte für Menschen mit psychischen oder kognitiven Einschränkungen. Das Angebot versteht sich als offen für alle: Jeder, der möchte, ob mit oder ohne Einschränkung, kann an den Begegnungen mit den Tieren teilnehmen.
Dabei setzt das Team auf ein breites Spektrum an Therapietieren. Neben den „Klassikern“, die man gemeinhin mit tiergestützter Arbeit verbindet, wie Ponys, Alpakas, Schafe oder Hühner und Kaninchen, findet sich hier auch eine ungewöhnliche Auswahl, wie Fische, Vögel und Bienen.
Tiere helfen den Kindern, zu sich zu finden
Vom Fischteich zieht die kleine Gruppe weiter zur nächsten Station. Angeleitet wird sie von Caroline Quick, der Leiterin für die tiergestützte Intervention, der Erzieherin Lara Amann sowie Katrin Schuck, die für die Ausbildung im tiergestützten Bereich verantwortlich ist. Die sechsjährige Sophia freut sich schon sichtlich auf die Kanarienvögel. Während die Weibchen ein schlichtes braunes Federkleid tragen, leuchten die Männchen in kräftigem Gelb. „Die Braunen gefallen mir am meisten, die finde ich am schönsten“, sagt Sophia leise.
Für sie und die drei anderen Kinder wartet direkt eine verantwortungsvolle Aufgabe: Die Futternäpfe und Trinkbehälter in der Voliere müssen gereinigt werden. Doch dafür müssen die Kinder sie erst einmal ausfindig machen. Man sieht allen vier an, wie sehr sie sich dabei konzentrieren. Sie freuen sich jedes Mal, wenn sie wieder einen gefunden haben. Obwohl sie die Aufgabe schon kennen, sieht man ihnen die Begeisterung für die Tiere immer noch an. „Wenn ich mit den Vögeln reden könnte, würde ich ihnen sagen, wie lieb ich sie habe“, sagt Sophia.

Erzieherin Lara Amann kennt die Kinder aus dem regulären Kitaalltag und beobachtet jedes Mal fasziniert, wie sich deren Verhalten bei den Tieren wandelt: „Es ist spannend zu sehen, wie sie miteinander umgehen. Manche Kinder, die in der Gruppe sehr wild sind, zeigen sich bei den Tieren plötzlich viel ruhiger.“ Speziell bei den Fischen und Vögeln lernten die Kinder Geduld und Konzentration. Im Vergleich zu den Kaninchen, die neugierig angerannt kämen, müsse man hier erst einmal abwarten.
„Das hat auch Vorteile“, ergänzt Caroline Quick. „Wir haben viele Kinder, die sich zu Beginn nur auf die Fische und Vögel einlassen können, bevor sie den Schritt zu den größeren Tieren wagen.“ Das liege vor allem an der klaren räumlichen Abgrenzung durch die Teichoberfläche oder das Gitter der Voliere. Die Fische und Vögel dringen nicht in den persönlichen Raum der Kinder ein. Dieser schützende Abstand helfe den Kindern, behutsam und im eigenen Tempo eine Beziehung aufzubauen.
Besonders deutlich wurde dieser Prozess bei Sophia. Als einzige Vorschülerin der Gruppe sei sie anfangs sehr schüchtern gewesen. „Mittlerweile ist sie in ihrer Gruppe zu einer richtigen Tierexpertin geworden“, erzählt Lara Amann. „Sie weiß genau, wer welches Futter braucht und wie man sich richtig um sie kümmert. Sie ist total über sich hinausgewachsen.“
Lernen, feinmotorisch und im Team zu arbeiten
Den anderen Kindern, die noch recht neu im Projekt sind, steht dieser Entwicklungsprozess noch bevor. Deshalb hat sich Caroline Quick für den heutigen Tag eine besondere feinmotorische und soziale Herausforderung ausgedacht: Die Gruppe soll eine kleine Schaukel für die Kanarienvögel bauen. Dafür müssen mehrere Fäden zu zwei stabilen Strängen zusammengedreht und an deren unteren Enden ein Ast fixiert werden. Das funktioniert nur, wenn die Kinder im Team arbeiten.

Die dreijährige Ilijana soll für den nächsten Arbeitsschritt auf einen Stuhl steigen, macht jedoch kurz vorher einen Rückzieher: Sie traut sich nicht. Quick und Amann reagieren mit pädagogischem Feingefühl und sprechen dem Mädchen Mut zu. Schließlich fasst sich Ilijana ein Herz und klettert, gestützt von den Erzieherinnen, auf den Stuhl. Nachdem die Fäden gedreht sind, müssen sie am Holz befestigt werden. Jedes Kind will nun eine Aufgabe haben. Es wird laut. Die Gruppe merkt aber schnell, dass sie die Herausforderung nur zusammen bewältigen kann und vor allem, wenn sie Ruhe bewahrt.
Die Aufregung legt sich wieder, Stille kehrt ein. Als die Schaukel fertig ist, folgt der Moment der Wahrheit: Um sie in der Voliere anzubringen, muss das Gehege geöffnet werden. Damit kein Kanarienvogel davonfliegt, befestigt Quick ein Netz vor dem Eingang. Raphael beweist Mut, schlüpft unter dem Netz hindurch und schafft es nach einigen Versuchen, die Schaukel stabil aufzuhängen. Die Kinder blicken voller Stolz auf ihr gemeinsames Werk.
„Therapie, die sich nicht wie Therapie anfühlt“
„Man merkt, dass es immer mehr Kindern schwerfällt, feinmotorische Aufgaben zu erledigen. Das ging früher intuitiver“, sagt Caroline Quick. Beim Bau der Schaukel wurden genau diese Fähigkeiten beiläufig trainiert, ohne den starren Rahmen einer klinischen Ergo- oder Psychotherapie. Lara Amann ergänzt: „Die Kinder erfahren hier eine enorme Selbstwirksamkeit.“ Das habe man heute sehr gut bei Ilijana gesehen, die dank der Motivation durch die Gruppe ihre Angst, auf den Stuhl zu klettern, überwand. „Es ist Therapie, die sich nicht wie Therapie anfühlt“, sagt Quick.

Auch für das Betreuungsteam ist diese Arbeit erfüllend. „Es ist wunderschön zu sehen, wie die Kinder mit jedem Besuch ihre Scheu verlieren und wie die Zuneigung wächst“, sagt Amann. Aufgrund dieses Erfolgs hat die Einrichtung mit der Zeit immer mehr Tiere angeschafft. Für die nächste Erweiterung des Hofes hätten die Kitakinder auch schon einen ganz konkreten Wunsch parat: Einhörner wären toll!
Was für die Kitakinder ein großes Abenteuer ist, ist für die Bewohner des BHZ ein wichtiger Anker in ihrem Alltag. Nur wenige Meter von der Vogelvoliere entfernt, am Kaninchengehege, wartet Peter. Er ist der Beweis dafür, dass man auch im fortgeschrittenen Alter noch über sich hinauswachsen kann. Peter ist 60 Jahre alt und schwerstmehrfachbehindert.
Tiere bauen Ängste ab und erleichtern das Lernen von Fähigkeiten
Er sitzt im Rollstuhl, da ihm das Laufen schwerfällt. Auch das Sprechen gelingt ihm nur unter spürbar großen Anstrengungen. Doch in Gegenwart der Tiere scheint sich eine Blockade zu lösen: Die Kaninchen unterstützen ihn bei der Kommunikation. Während er vor dem Eingang sitzt, gibt er den anderen Anwesenden mit einer freundlichen Geste zu verstehen, dass sie ruhig vor ihm in den Stall gehen dürfen.
Das tägliche Zubereiten des Futters ist für Peter ein festes Ritual. Geduldig schneidet er Karotten und zupft Salat zurecht. Beim eigentlichen Füttern zeigt sich sein feines Gespür für die Tiere. Er amüsiert sich über die unterschiedlichen Charaktere: Bijou, das einzige Männchen in der Gruppe, kommt sofort angerannt und frisst, so viel es kann. Die Kaninchen hüpfen anschließend durch ihr Gehege und versuchen, sich die Karotten und den Salat gegenseitig abzujagen.

Caroline Quick erklärt, dass bei Klienten mit schweren Mehrfachbehinderungen im Austausch mit dem Tier Kognition, Motorik und Sprache gleichzeitig angeregt werden. Das Tier wirkt als Motivator, der Ängste abbaut und das Üben von Fertigkeiten erleichtert. Bei Peter gehe es vor allem darum, ins Handeln zu kommen.
Obwohl er im Alltag oft unsicher ist, beim Laufen stolpert oder es ihm schwerfällt, die Aufmerksamkeit auf eine Sache zu lenken, bietet die Arbeit mit den Kaninchen einen Fokuspunkt. Da Tiere ehrlich Gefühle spiegeln, aber niemanden verurteilen, fungieren sie als verlässliche Bindungspartner ohne Worte. Sie schulen Peters Blick für nonverbale Signale, eine Kompetenz, die ihm auch im zwischenmenschlichen Kontakt zugutekommt. Zudem genießt er es, mal für kurze Zeit aus seiner Wohngruppe raus zu sein.
Tiere werden als Partner, nicht als therapeutisches Instrument behandelt
Bei Animals Helping Handicapped legt man großen Wert darauf, dass die Interaktion auf absoluter Augenhöhe stattfindet. „Wir bringen unseren Tieren keine Kunststücke bei. Darum geht es nicht“, stellt Caroline Quick klar. „Es ist ein echter Austausch, und der funktioniert nur, wenn man das Tier als eigenständiges Individuum ernst nimmt.“
Das bedeutet: Kein Kaninchen wird einfach hochgehoben und zum Streicheln auf einen Tisch gesetzt. Wenn es einem Tier schlecht geht, fällt die Stunde aus. Genau wie Menschen haben auch Tiere Tage, an denen sie ihre Ruhe wollen.

Die Einrichtung hat sich strenge Tierwohl-Richtlinien auferlegt und ist Mitglied der International Society for Animal Assisted Therapy, die weltweit Qualitätsstandards sichert. Die Kaninchen haben beispielsweise tiefe Buddelecken. Alle Tiere werden von professionellen Tierpflegern betreut. Expertin Quick sagt: „Es ist ganz wichtig, dass die Tiere so sein dürfen, wie sie sind, und auch Grenzen aufzeigen. Sie erinnert sich an einen nach Reizen suchenden Jungen, der distanzlos nach allem griff, ob nach seinem Bruder oder den Ponys. Als die Tiere daraufhin auf Abstand gingen, spiegelten sie ihm sein Verhalten – und der Junge verstand die Grenze, passte sich an und war später in der Lage, sich den Ponys behutsam zu nähern.
Hinter dem idyllischen Schein steckt harte und professionelle Arbeit. Wer hier als Fachkraft arbeiten möchte, muss eine achtzehnmonatige Weiterbildung absolvieren, um unter anderem die oft subtile Körpersprache der Tiere lesen zu können. Der therapeutische Alltag hat wenig mit einem Streichelzoo gemein: Gehege müssen ausgemistet, Tiere bei Wind und Wetter, an Wochenenden wie Feiertagen versorgt werden.
Diese bedingungslose Fürsorge bildet das ethische Fundament der Einrichtung: Das Tier wird nicht als therapeutisches Instrument missbraucht, sondern als Partner behandelt. Erst durch dieses Verständnis für die individuellen Bedürfnisse, sei es das Ruhebedürfnis eines Alpakas oder die Dynamik des Kaninchens Bijou, entsteht ein geschützter Raum, in der Therapie wirken kann. Wenn man das Gegenüber in seiner Gesamtheit annimmt, egal ob es zwei Beine, vier Pfoten oder bunte Federn besitzt, fühlt sich der therapeutische Rahmen nicht mehr wie Therapie an, weil er wie das Leben selbst wird.