Durch die Nacht: Diese ungeschriebenen Regeln gelten am Pissoir
Zehn Minuten. Seit zehn Minuten warte ich darauf, dass die Geschichte meines Freundes endet, damit ich in Richtung Toilette verschwinden kann. Es ist voll hier, richtig voll.
„Hey, schon wieder hier?“, sagt jemand im Vorbeigehen. „Ja“, sage ich und laufe weiter, während ich mich innerlich frage, wer das war. In so vollen Räumen habe ich gelernt: Es geht weniger darum, wohin man seinen Körper drückt, als darum, genau zu beobachten, wohin der nächste Schritt gesetzt wird. So bewege ich mich seit Jahren durch die Nächte dieser Stadt.
„Wohin des Weges?“, fragt ein Bekannter, der plötzlich vor mir steht. „Toilette“, sage ich und stoße endlich die Tür auf. Drinnen gelten andere Regeln als draußen. Wer hereinkommt, verschafft sich so gut es geht zuerst einen Überblick: Wie viele Pissoirs gibt es? Wie viele sind schon besetzt? Wo bleibt die größte Lücke? Man erfasst den Raum, ohne es je gelernt zu haben. Dann geht jeder zielstrebig zum angedachten Platz, den Blick auf Fugen, Armaturen, einen Punkt an der Wand gerichtet. Auf alles, nur nicht auf den Nebenmann.
Es gibt hier drinnen eine Regel, die niemand ausspricht und trotzdem jeder kennt: Man lässt Abstand. Sind die äußeren Becken besetzt, bleibt das mittlere leer – lieber wartet man, als sich dazwischenzustellen. Und wer doch dazwischen muss, merkt, wie ernst der Körper diesen Abstand nimmt.

Während ich überlege, wie spät es sein könnte, unterbricht eine Stimme meine Gedanken. „Junge, woher ist die Jacke?“
„H&M“, sage ich, den Blick gesenkt. „Geiler Typ“, kommt zurück, und jetzt frage ich mich, ob wir hier ernsthaft auf dem Weg sind, Konversation zu betreiben. Sind wir. „Ey, ich kenn dich doch von irgendwoher“, sagt der andere. Ich schweige.
Am Pissoir, mein Spiegelbild in der leicht gesprungenen Scheibe vor mir, wird mir etwas bewusst, was ich Multitasking-Krise nenne. Normalerweise habe ich kein Problem damit, mehrere Dinge gleichzeitig zu erledigen. Aber diesmal ist es anders. Ich muss eine der beiden laufenden Aufgaben abbrechen. Ich kann nicht gleichzeitig reden und zielen.
Ich trete ans Waschbecken, wasche mir die Hände, beantworte – viel zu spät – die Frage: „Bestimmt. Frankfurt ist nicht so groß, wie man denkt.“ Der Mann, mit dem ich gerade noch geredet habe, verlässt den Raum, während ich mich noch im Spiegel betrachte.
Eine Weile frage ich mich, ob das Männerklo einer der wenigen Orte ist, an denen Männer für ein paar Sekunden ohne Rüstung stehen. Noch immer in Gedanken, geht es zurück in den Club. Draußen kommt es mir vor, als wäre ich stundenlang weg gewesen. Ich drehe mir eine Zigarette, zünde sie an, und da, direkt an mir vorbei, schiebt sich der Mann, mit dem ich gerade am Pissoir gesprochen habe. Ich will „Hallo“ sagen, wir kennen uns jetzt schließlich. Er wirft mir einen kurzen Blick zu, ohne auch nur das geringste Zeichen des Wiedererkennens – und geht weiter.
Vor einer Minute wollte er noch ins Gespräch kommen, vielleicht auch, um die Stille zu durchbrechen, jetzt weiß er nur, dass er schleunigst an mir vorbeigehen muss. Die Rüstung sitzt draußen erstaunlich schnell wieder.
Batuhan Ergün schreibt in der Kolumne „Durch die Nacht“ regelmäßig über Beobachtungen und Besonderheiten aus dem Frankfurter Nachtleben. Auf seinem Instagram-Account „nightlifeinfrankfurt“ spricht er mit Vertretern der Szene und der Politik über Themen, die Frankfurt nachts bewegen.