UNRWA-Chef im Westjordanland: "Gewalt an der Tagesordnung kann in niemandes Interesse sein"


Nahost

UNRWA-Chef im Westjordanland: "Gewalt an der Tagesordnung kann in niemandes Interesse sein"

Die Siedlergewalt habe ein Ausmaß angenommen, das vor einigen Jahren "völlig undenkbar war", sagt Roland Friedrich: "Es wird ja heute direkt scharf geschossen"

Interview

/

Maria Sterkl

aus Haifa

Drei Soldaten gehen auf einem unbefestigten Weg in einer ländlichen Landschaft nahe Qusra im israelisch besetzten Westjordanland. Im Hintergrund sind Häuser, Olivenbäume und Hügel zu sehen. Stromleitungen verlaufen über die Szenerie.
Israelische Soldaten im Dorf Qusra im besetzten Westjordanland, wo über Wochen Häuser palästinensischer Familien von radikalen Siedlern belagert wurden. "Die Menschen sind ganz massiver Repression ausgesetzt", sagt Roland Friedrich.

Das Palästinenser-Flüchtlingshilfswerk UNRWA ist die größte humanitäre Organisation im Westjordanland. Sie betreibt Schulen und Kliniken, organisiert Müllabfuhr und psychologische Betreuung und versorgt Binnenvertriebene mit Notbehausungen. Die UN kündigten 2024 neun Mitarbeiter. Heute ist nichts mehr so, wie es vor fünf Jahren war, erzählt der Chef der UNRWA im Westjordanland, Roland Friedrich. Das Interview wurde vor der Räumung des UNRWA-Gelände in Ost-Jerusalem geführt.

STANDARD: Wie bekommen Sie die Übergriffe radikaler israelischer Siedler auf palästinensische Bewohner im Westjordanland zu spüren?

Friedrich: Die Siedlergewalt hat ein Ausmaß angenommen, das vor vier, fünf Jahren völlig undenkbar war. Die Menschen sind ganz massiver Repression ausgesetzt – körperlicher Gewalt, dem Druck der Vertreibung. Auch unser Personal, das sich in UN-Fahrzeugen bewegt, wird immer wieder angegriffen und mit Steinen beworfen – von radikalen Siedlern. Wir sehen da wesentlich mehr Vorfälle als früher. Und das Personal ist ja erkennbar an den UN-Fahrzeugen.

STANDARD: Diese Markierung war eigentlich als Schutz gedacht …

Friedrich: Genau. Leider sehen wir jetzt eine Missachtung der Vereinten Nationen, nicht nur durch radikale Siedler, sondern auch an Checkpoints der Armee. Und es gibt vermehrt Zugriffe der Armee auf UN-Installationen. Was aber oft vergessen wird, aber langfristig genauso relevant ist: der Ausbau der Siedlungen, insbesondere der illegalen Outposts, diese Farmen, die in direkter Nähe zu palästinensischen Dörfern errichtet werden.

STANDARD: Vor 20 Jahren zog sich Israel aus mehreren Siedlungen zurück – jetzt baut man dort massiv aus?

Friedrich: Ja, man hat sich damals zurückgezogen, um den Palästinensern ein zusammenhängendes Gebiet zu überlassen. Der Trend wird jetzt umgekehrt. Die Siedlungen, die von der Sharon-Regierung (2001–2006) evakuiert wurden, sind jetzt fast alle wieder aufgestellt worden, neue Siedlungen kamen dazu. Das geht rasend schnell, und es hat politische Folgen für die Umsetzbarkeit einer Zweistaatenlösung.

STANDARD: Schafft es die Armee nicht, die Siedler in Zaum zu halten, oder will sie es nicht?

Friedrich: Das kann ich schwer beurteilen. Unser Mandat ist nicht Menschendrechtsdokumentation, das machen andere. Aber man fragt sich natürlich schon, und ich sage das als jemand, der fast zwölf Jahre in Israel und Palästina gearbeitet hat … noch vor drei Jahren ist mit solchen Vorfällen anders umgegangen worden als heute. Das Maß des Traumas in der israelischen Gesellschaft ist natürlich enorm. Aber es ist meine Befürchtung, dass diese zügellose Gewalt langfristig wohl auch auf die israelische Gesellschaft zurückfallen wird.

STANDARD: Weil dadurch mehr junge Palästinenser radikalisiert werden?

Friedrich: Das sind politische Aussagen, die nicht Mandat unserer Organisation sind. Aber natürlich, je weniger junge Menschen Hoffnung haben, desto eher sind sie eine leichte Beute für Radikalisierung. Man kann aber auch davon ausgehen, dass die Gesetzlosigkeit im Westjordanland direkt auf Israel abfärbt. Denn wenn das israelische Recht nicht im Westjordanland umgesetzt wird, dann wird man es irgendwann auch in Israel nicht mehr umsetzen.

STANDARD: Israel hat es Ihrer Organisation verboten, in Israel und Ostjerusalem zu arbeiten. Im Westjordanland dürfen Sie weiter tätig sein, es gibt aber ein gesetzliches Kontaktverbot zwischen Ihren Beschäftigten und israelischen Vertretern. Wie wirkt sich das auf Ihre Arbeit aus?

Friedrich: Das war eine große Zäsur, weil wir davor eine sehr vertrauensvolle, effektive Zusammenarbeit hatten. Das waren Kontakte, die seit Jahrzehnten bestanden, wir waren jeden Tag mit der Armee im Austausch. Das lief eigentlich sehr, sehr gut – und das wurde Ende Jänner gestoppt. Für uns bedeutet das natürlich, dass die Arbeit gefährlicher wird.

STANDARD: Zum Beispiel?

Friedrich: Wenn es zum Beispiel darum geht, im Rahmen einer israelischen Militäroperation eine kurze Feuerpause auszuhandeln – um es den Kindern zu ermöglichen, von der Schule nach Hause zu gehen. Vorher war das möglich, jetzt nicht mehr. Das ist wirklich in niemandes Interesse.

STANDARD: Die aktuelle Regierung hat im Westjordanland massive militärische Mittel eingesetzt.

Friedrich: Ja. Ab Anfang 2024 wurden die Einsätze der Armee im Norden des Westjordanlands immer länger – mit immer mehr hoch entwickelten Waffen, immer mehr Zerstörung von Infrastruktur, wo zum Teil auch Taktiken aus Gaza herübergeschwappt sind. Man hat das Westjordanland wie ein Kriegsgebiet behandelt.

Roland Friedrich, Leiter von UNRWA im Westjordanland.

STANDARD: Ein Krieg ohne Kriegserklärung?

Friedrich: Ja, und das wurde auch so gesagt, dass das Westjordanland eine von sieben Fronten ist. Die Einsätze, etwa im Flüchtlingslager Jenin, wurden immer länger. Der radikale Einschnitt war dann, dass 34.000 Bewohner von drei Flüchtlingslagern gewaltsam vertrieben wurden. Das war eine Zäsur, das hat es so im Westjordanland seit Beginn der Besetzung nicht gegeben, dass so viele Menschen auf einmal vertrieben wurden. Die Zerstörung ist enorm, und den Menschen wird die Rückkehr verwehrt.

STANDARD: Sie erreichen fast 50.000 Schüler bis 15 Jahre im Westjordanland. Das ist viel Macht, die man dazu nutzen könnte, um zu deradikalisieren. Ist Ihnen das ein Anliegen?

Friedrich: Wir vermitteln Inhalte, die im Einklang stehen mit den UNESCO-Standards. Wir haben in jeder Schule ein Schülerparlament, wo die Kinder schon sehr früh Dialog, Demokratie, Partizipation üben. Im Norden des Westjordanlands haben wir unter den Binnenvertriebenen sehr viele traumatisierte Kinder, die psychologisch unterstützt werden. Da tragen wir natürlich auch zur Stabilität bei.

Man muss aber auch sagen: Die Kinder leben in einer Realität der militärischen Besatzung. Kinder, die jeden Tag durch Militäreinsätze aus dem Schlaf gerissen werden oder tagtäglich in die Checkpoints gehen, die werden, wenn sie radikalisiert werden, durch den Kontext radikalisiert. Und deswegen ist gerade die derzeitige Welle der Siedlergewalt und der massiven Armeegewalt so verheerend. Es wird ja heute direkt scharf geschossen. Wenn früher Gummigeschosse verwendet wurden, schießt man jetzt mit scharfer Munition. Es ist ganz klar, dass das zu Traumatisierung führt – und auch zu einem Kontext, wo Gewalt an der Tagesordnung ist. Das kann in niemandes Interesse sein.

STANDARD: Was gibt Ihnen Hoffnung, dass Israelis und Palästinenser jeweils in Sicherheit und Freiheit nebeneinander leben können?

Friedrich: Das Zugehörigkeitsgefühl beider Parteien zu dem Ort ist so stark, dass man sich letztlich einigen muss. Dazu braucht es einen fairen Prozess, um die gegenseitigen Bedürfnisse und Traumata anzuerkennen. Im Krieg seit dem 7. Oktober (2023) kommen die Traumata auf beiden Seiten mit voller Wucht zurück. Das ist tragisch. Trotzdem darf man die Hoffnung auf eine Aussöhnung nicht verlieren. (Maria Sterkl aus Haifa, 30.8.2026)

Forum: 62 Postings

Ihre Meinung zählt.

Die Kommentare im Forum geben nicht notwendigerweise die Meinung der Redaktion wieder. Die Redaktion behält sich vor, Kommentare, welche straf- oder zivilrechtliche Normen verletzen, den guten Sitten widersprechen oder sonst dem Ansehen des Mediums zuwiderlaufen (siehe ausführliche Forenregeln), zu entfernen. Benutzer:innen können diesfalls keine Ansprüche stellen. Weiters behält sich die STANDARD Verlagsgesellschaft m.b.H. vor, Schadenersatzansprüche geltend zu machen und strafrechtlich relevante Tatbestände zur Anzeige zu bringen.