Verdurstete Kitze, hungrige Hasen: Wildtiere leiden massiv unter Trockenheit


Klimakrise

Verdurstete Kitze, hungrige Hasen: Wildtiere leiden massiv unter Trockenheit

Dürre und Hitze lassen Tiere verenden, andere geraten auf Wassersuche in Todesfallen. Das Gedränge an den Wasserstellen steigert zudem die Seuchengefahr

Marlene Erhart

Ein Rehkitz läuft über ein abgeerntetes Feld in Allonnes nahe Chartres, während Dürrebedingungen nach einer Hitzewelle und Wasserknappheit in weiten Teilen Frankreichs zunehmen.
Der Mangel an Wasser und nahrhaftem Futter belastet viele Wildtiere enorm. Werden die Tiere in dieser brenzligen Situation an ihren Rückzugsorten aufgescheucht, verlieren sie wertvolle Energie.

Die Hitze lässt langsam nach, doch die Trockenheit hat weite Teile des Landes weiterhin fest im Griff. Flüsse verkümmern zu traurigen Rinnsalen, Feldfrüchte vertrocknen, dürre Baumkronen bieten mancherorts ein Bild, das an Herbsttage erinnert. Was viele Menschen besorgt und Fachleute erschüttert, bringt auch Wildtiere auf dem Land und in der Stadt in Bedrängnis. Ihnen fehlen Wasser, nahrhaftes Futter und kühle Rückzugsorte.

Viele Teiche, Bäche und Flüsse sind in den vergangenen Wochen versiegt oder ausgetrocknet. "Auf der Suche nach Wasserquellen müssen Wildtiere größere Strecken zurücklegen, was den Energieverbrauch erhöht und die Überlebensfähigkeit beeinträchtigt", erklärt Wildökologe Kian Lanzenstiel vom NÖ Jagdverband. 2026 bezeichnet er als Ausnahmejahr, fehlende Gewitterniederschläge verschärfen die enorme Trockenheit zusätzlich.

Eine ausgetrocknete Bachlandschaft mit rissigem Boden und vereinzelten Ästen, umgeben von dichtem, grünem Bewuchs und Bäumen. Der Himmel ist klar und blau. Dieses Bild zeigt die Auswirkungen von Trockenheit in Mattighofen, Österreich, aufgenommen im Mai 2026.
Schon im Mai war der Kühbach in Mattighofen ausgetrocknet. In zahlreichen Landesteilen zeigen sich nach wie vor ähnliche Bilder.

Pool als Notlösung und Falle

Obwohl sich Städte stärker aufheizen als das Umland, haben momentan auch Waldbewohner kein leichtes Spiel. Den Ernst der Lage brachte kürzlich Christoph Böck zum Ausdruck. "Es wurden bereits tote Rehkitze gefunden, bei denen wir davon ausgehen, dass sie verdurstet sind", sagte der Geschäftsführer des Landesjagdverbands Oberösterreich den Oberösterreichischen Nachrichten.

Um ihren Durst zu stillen, nutzen Wildtiere derzeit jede verfügbare Wasserquelle, erzählt Lanzenstiel. Ihrer natürlichen Scheu zum Trotz kommen sie auch in Siedlungen und trinken aus Pools, Vogeltränken oder Gartenteichen. "Unter den extremen Bedingungen nehmen sie mehr Risiken auf sich", so der Wildökologe. Fallen Tiere in Pools oder Brunnen, schaffen sie es oft nicht aus eigener Kraft heraus. Mehrmals rückten zuletzt Feuerwehren aus, um Rehen in solchen Notlagen zu helfen und sie vor dem Ertrinken zu retten.

Ein junges Rehkitz steht in einem flachen, regulierten Bachbett, umgeben von Betonwänden und Pflanzen. Das Rehkitz wirkt nass und orientierungslos.
Dieses verirrte Rehkitz wurde Anfang Juli von der Feuerwehr Mödling aus einem Bachbett gerettet. Das Jungtier hatte es nicht selbstständig hinausgeschafft, da der Mödlingbach an der betroffenen Stelle baulich reguliert ist.

Schlechte Futterqualität

Die Folgen der Dürre reichen für Wildtiere weit über ausgetrocknete Gewässer hinaus. Viele Arten nehmen Flüssigkeit durch die Nahrung auf. Fehlende Niederschläge – schon das Frühjahr war viel zu trocken – beeinträchtigen jedoch das Pflanzenwachstum und die Aufnahme von Mineralien und Nährstoffen. "Das wirkt sich auf das Wild aus, das weniger Futter vorfindet, obwohl es aufgrund der niedrigeren Qualität mehr benötigen würde", erklärt Lanzenstiel. Besonders schlimm ist das etwa für Feldhasen, die Wasser zu nahezu 100 Prozent über Futter – die fachsprachliche Äsung – aufnehmen.

Jägerinnen und Jägern versuchen gegenzusteuern und die Versorgung mit Futter und Wasser zu sichern. "Um Wildtieren zu helfen und die Belastung für sie zu mildern, legen wir neue Tränken in schattigen Bereichen an und versorgen bestehende Tränken stärker", erzählt Lutz Molter vom Dachverband "Jagd Österreich". Als Hilfsmaßnahme werden auch Rüben als Äsungs- und Flüssigkeitsquelle ausgelegt, die etwa von Feldhasen gerne angenommen werden. Dennoch bleibt ein Wunsch: "Wir hoffen, dass der Regen bald wieder kommt", sagt Molter.

Ein Feldhase (Lepus europaeus) sitzt auf einer grünen Wiese im Oderbruch, Brandenburg, umgeben von Gras und Wildblumen. Im Hintergrund verschwimmt die Landschaft in unscharfem Grün.
Feldhasen haben es bei der Futtersuche derzeit nicht gerade einfach. Hierzulande werden die Tiere von Jägerinnen und Jägern mit Rüben versorgt, aus denen sie auch ihren Wasserbedarf decken können. Blühstreifen und Brachflächen sollen für Wildtiere wie ihn langfristig ausreichend Nahrung und Deckung bieten.

"Neben der akuten Unterstützung spielt die langfristige Gestaltung geeigneter Lebensräume für Wildtiere eine entscheidende Rolle", sagt Lanzenstiel. Über das ganze Jahr hinweg werden daher Hecken, Sträucher, Gebüsche, Bäume, Blühstreifen und Brachflächen angelegt. Dadurch sollen dauerhaft Flächen geschaffen werden, die Schatten, Deckung und Futterplätze bieten.

Trotz dieser Schritte könne es vorkommen, dass Wildtiere aufgrund von Hitzestress, Verdursten und Verhungern verenden. "Vor allem in strukturarmen Regionen mit wenig Bewuchs kann sich die Lage weiter zuspitzen, sollte Niederschlag ausbleiben", so Lanzenstiel. Wie viele Tiere verdursten, verhungern oder an Hitzestress sterben, lasse sich erst nach der Bewertung der Fallwildzahlen sagen. "Es ist aber anzunehmen, dass die Zahlen heuer höher sind als in den vergangenen Jahren", schätzt er.

Sprung aus dem heißen Nest

Tiere in Wald und Flur benötigen derzeit vor allem Ruhe. Viele verlegen ihre Futtersuche und Bewegung in kühlere Tagesstunden. Werden sie durch Spaziergänger, Sportler oder freilaufende Hunde oder Schwammerlsucher aufgescheucht, verlieren sie wertvolle Energie. Auch in Städten stehen Wildtiere vor teils lebensbedrohliche Herausforderungen. Schon während der Hitzewelle Ende Juni sprangen Küken von Mauerseglern aus überhitzten Nestern. Am Boden drohte überlebenden Jungvögeln ebenfalls der Hitzetod, auch waren sie leichte Beute für Krähen und Katzen.

Besonders sensibel sind neben Jungtieren jene Arten, die Nachwuchs haben und solche, die sich mit hohen Temperaturen und Trockenheit generell schwertun. Fledermäuse dehydrieren sehr rasch, auch Amphibien sterben schnell, wenn die für sie essenzielle Feuchtigkeit fehlt. Derzeit entwickelt sich in den Laichgewässern von Kröten und Fröschen noch die nächste Generation der Tiere. Trockenen die Tümpel und Teiche aus, haben zahlreiche Jungtiere kaum Überlebenschancen.

Nahaufnahme einer Erdkröte (Bufo bufo) vor einem dunklen Hintergrund.
Amphibien wie Erdkröten sind in höchstem Maße auf Wasser und Feuchtigkeit angewiesen. Sie gehören zu den Tierarten, für die anhaltende Trockenheit besonders schnell lebensbedrohlich werden kann.

Gesundheitsgefahr am Wasserloch

Wassermangel kann auch aus einem weiteren Grund problematisch werden. "Gedränge an Restgewässern beschleunigt die Ausbreitung tödlicher Viren und Parasiten unter Wildtieren in den Städten", sagt Dagmar Haase. Neben der Hitze selbst kann auch das für Menschen zur Gefahr werden, so die Stadt- und Landschaftsökologin an der Humboldt-Universität zu Berlin. Wassermangel kann auch die Parasitenlast für Wildschweine erhöhen. Finden die Tiere keine Sulen mehr, können sie sich nur schwer von lästigen Blutsaugern und anderen Quälgeistern befreien.

Apropos Blutsauger: Bestandsrückgänge etwa bei Fledermäusen betreffen nicht nur die Tiere selbst, sondern können weitreichende ökologische Folgen mit sich bringen. Denn die Jäger der Nacht spielen eine wichtige Rolle bei der Regulation von Insektenpopulationen, darunter auch tierische Überträger von Krankheiten wie Stechmücken.

Ein Wildschwein blickt aus einem Gehege direkt in die Kamera. Der Vordergrund fokussiert auf das Gesicht des Tieres, während der Hintergrund unscharf ist.
Wildschweine brauchen Sulen, um ihre Körpertemperatur zu regulieren und um sich vor Sonne und Parasiten zu schützen.

Normalerweise beste Zeit

An sich bietet der Sommer für Wildtiere zahlreiche Vorteile. "Zu dieser Jahreszeit erreichen viele Tierarten normalerweise ein Optimum und können aus dem Vollen schöpfen", erklärt Zoologe Richard Zink von der Veterinärmedizinischen Universität Wien. Es gibt viele Sämereien und Früchte, auch brauchen sie wenig Energie für den Erhalt der Körpertemperatur. Evolutionsbiologisch setzen Vögel darauf, in dieser Zeit das Gefieder wechseln zu können, doch bei Trocken- und Hitzestress wird das zur Last.

Neben akuten Notlagen erzeugt anhaltende Dürre auch auf lange Sicht Mangelsituationen. "Wenn im Wald und am Feld die Samen ausfallen, können viele Tierarten nicht für den Winter vorsorgen", sagt Zink. Eichhörnchen können sich keine Fettreserven anfressen, Wildschweine kommen dann vielleicht aus den Wäldern, um im Umland nach Futter zu suchen, was zu Schäden an Kulturpflanzen und Konflikten führen kann.

Ein aufmerksam blickendes rotes Eichhörnchen mit buschigem Schwanz steht auf einer herbstlichen Wiese mit fallendem Laub.
Seit Monaten fehlen teils große Mengen an Niederschlag, was sich auf die Vegetation und auf die Qualität von Samen und Früchten auswirkt. Für Tiere, die sich wie das Eichhörnchen für den Winter Fettreserven anfuttern müssen, könnte das zu einem problematischen Mangel nahrhafter Kost führen.

Spezialisten haben es schwer

Langfristig werden wahrscheinlich vor allem Spezialisten unter den neuen klimatischen Bedingungen leiden, vermutet Tanja Straka, Professorin für Naturraum und Wildtiermanagement an der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf. "Das betrifft Arten, die auf bestimmte Lebensräume oder wenige Nahrungsquellen spezialisiert sind, wenig mobil sind oder ihr Verhalten nur begrenzt anpassen können", sagt sie.

"Mittel- und langfristig sind vor allem stadtplanerische Maßnahmen erforderlich, die die Auswirkungen extremer Hitze verringern", so Straka. Flächen müssten entsiegelt werden, Grünflächen erhalten und neue angelegt sowie durch ökologische Korridore vernetzt werden. Ebenso wichtig sei der Schutz von Gewässern, die das Stadtklima kühlen und Lebensräume und Ressourcen für zahlreiche Tiere darstellen. (Marlene Erhart, 15.8.2026)

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