Von „Krise“ zu „Kreuzzug“: NATO-Papier zeigt Putins Propaganda-Muster – und eine Schwachstelle


Stand: 14.08.2026, 20:05 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

An Rückschlägen mangelt es auch Russland im Ukraine-Krieg nicht. Wie moderiert der Kreml das? Eine Analyse aus dem NATO-Umfeld zeigt Muster auf.

Selbst schärfste Gegner räumen ein: Russland lernt an den Fronten im Ukraine-Krieg dazu. Das gilt für den Drohnen-Kampf – aber offenbar auch für den „Krieg um die Köpfe“. Forscher der NATO haben in dieser Woche einen neuen Bericht vorgelegt. Das Papier soll Muster in Wladimir Putins Propaganda-Maschinerie aufzeigen. Eine These lautet: Über reine Staats-TV-Propaganda ist der Kreml im Inland längst hinaus – es gebe ein lernfähiges „Ökosystem“ über verschiedene Kanäle anstelle eines strikt hierarchischen Apparats.

Wladimir Putin beobachtet auf dem Raketenkreuzer „Waryag“ in Marineuniform eine Militärübung.

Wladimir Putin beobachtet auf dem Raketenkreuzer „Waryag“ in Marineuniform eine Militärübung. © Gavriil Grigorov/picture alliance/dpa/Pool Sputnik Kremlin/AP

Autorinnen und Autoren des NATO-Exzellenzzentrums für Strategische Kommunikation haben sechs große Anwendungsfälle der Kreml-Kommunikation analysiert – softwaregestützt und nach eigenen Angaben anhand von insgesamt 3,13 Millionen „Medieneinheiten“: von Artikeln auf staatlichen Webseiten über TV-Aufnahmen bis zu 1,86 Millionen Postings auf Telegram. Das hat offenbar seine Zeit gedauert, die Daten stammen aus dem Zeitraum von Januar 2024 bis März 2025. Als Zwischenergebnis steht aber eine Art Bauplan der russischen Kriegskommunikation. Von „Krise“ über „Kontrolle“ bis „Kreuzzug“. Auch eine Schwachstelle haben die Fachleute ausgemacht.

„Narrativer Kollaps“? Putins Kreml hat offenbar neue Kommunikations-Methoden im Ukraine-Krieg

Das prominenteste Fallbeispiel ist der für Putins Militär überraschende wie schmerzliche Vorstoß der Ukraine in die russische Region Kursk im Sommer 2024. Die Auswertung zeigte: Zuerst überließ der Kreml damals Influencern und Militärkommentatoren auf Telegram die Informationshoheit. Erst rund sieben Stunden nach den ersten Meldungen aus der Region hätten die Staatsmedien ihre „Erzählungen“ zur Lage entwickelt gehabt und dann über die verschiedenen Kanäle kopiert. Die offizielle Reaktion des Kreml habe sogar 18 Stunden auf sich warten lassen.

Das könne einerseits auf Schwierigkeiten bei der Suche nach einer schlüssigen Erzählung deuten, heißt es in dem Bericht. Die „Verspätung“ und ein Deutungswirrwarr durch Blogger und Regionalmedien könnten aber auch einen strategischen Zweck erfüllen: So könne Moskau erst einmal die Wirkung verschiedener Erklärungen in der Praxis beobachten, ehe man sie als offizielle Version übernehme. Das verteile Verantwortung und reduziere das Risiko eines „unmittelbaren narrativen Kollaps“ – also die Gefahr, zu schnell auf eine letztlich schwache Erklärung zu setzen und blamiert dazustehen.

Später werde die Erzählung der Wahl dann durch „Synchronisierung“ über die verschiedenen Medientypen gefestigt und schließlich durch Wiederholung und emotionale Intensivierung verstärkt, heißt es in der Analyse. Die NATO-Experten machten in mehreren Beispielen auch eine Fortentwicklung der Kreml-Krisenpropaganda fest: Nicht nur im Fall Kursk hätten zunächst krisenhafte Berichte über eine „Notfall-Verteidigung“ und staatliche Hilfsaktionen dominiert, dann sei ein nüchterner Tonfall eingezogen, der Anschein von Kontrolle. Zuletzt habe es nahezu quer über alle Kanäle eine „fast sakralisierte Durchhalte-Erzählung, verankert in Professionalismus, technologischer Kompetenz und Pflichtgefühl“ gegeben. Das sei die „Kreuzzug“-Phase: „Taktische Konflikte werden zu zivilisatorischer Bedeutung erhoben“, schreiben die Autoren des Berichts.

Eine Art Arbeitsteilung sei in den späteren Phasen ebenfalls erkennbar gewesen. Das Fernsehen habe „moralisiert und nationalisiert“, die staatlichen Portale hätten die Lage durch behördlichen Tonfall zu normalisieren versucht. Onlinemedien hätten mit Geschichten über Kriegsverbrechen und westliche Beteiligung Empörung gestreut – die auf Telegram dann verstärkt worden seien. Auch im Ausland seien Kreml-Erzählungen aufgetaucht. Allerdings neben für Putin weniger genehmen Darstellungen mangelnder russischer Vorbereitung auf das Kursk-Szenario. Ohnehin seien russische Bots und Trolle wohl die größere Gefahr als Russlands mediales „System“ für die Verbreitung seiner Haltungen im Ausland.

Was tun mit Russlands Propaganda nach innen – Studienautoren geben NATO-Staaten Ratschläge

Eine Schlussfolgerung in der Studie lautet: Strategien für Gegen-Kommunikation müssten die besonderen Funktionen der verschiedenen Kanäle in Putins System berücksichtigen. Die Rolle von Telegram mache es zum besten Ziel für frühzeitige Interventionen. Schnell, klar und vor der „Stabilisierung“ der russischen Erzählung müsse die NATO dort Botschaften platzieren. Aus einer anderen Einzelfallanalyse leiteten die Autoren eine weitere konkrete politische Empfehlung ab: Russische Debatten über Verhandlungen im Ukraine-Krieg nicht für bare Münze zu nehmen.

Das NATO-Exzellenzzentrum für Strategische Kommunikation

Das Zentrum wurde 2014 eingerichtet, es ist in Riga (Lettland) beheimatet, es ist nicht Teil der Kommandostruktur der NATO und kommuniziert auch nicht im Namen des Bündnisses. Eine Aufgabe ist die Analyse von Mitteln und Formen externer Desinformation. Selbst übe man keine Manipulation aus, sagte Direktor Janis Sarts dem Münchner Merkur von Ippen.Media im Frühjahr: „Wir tun nicht dasselbe wie die Russen“, betonte er. „Es ist ein Versuch, sich nach außen zu verteidigen. Auch die Freiheit menschlicher Entscheidungen.“

Im US-Wahljahr 2024 – das mit der Wiederwahl Donald Trumps endete – habe sich der russische Diskurs in Sachen Frieden stark verändert, heißt es in der Expertise. Die Worte „Waffenstillstand“ und „Verhandlungen“ seien nach Trumps Wahl im November erheblich häufiger in russischen Medien aufgetaucht. Die Haltung habe sich von „unumwundener Ablehnung“ zu „bedingter Normalisierung“ des Gedankens an Frieden verändert. Das sei aber nur eine nötige Reaktion auf neue Umstände gewesen und habe nicht die Inhalte verändert – die Forderungen seien auch medial dieselben geblieben. „Die russischen Medien bereiteten das heimische Publikum nicht auf Kompromisse vor. Stattdessen haben sie Flexibilität in der Interpretation gepflegt“, heißt es in der Studie. So könne man neue Entwicklungen verarbeiten, ohne die Politik ändern zu müssen.

Unter dem Strich steht die These, dass die russische Propaganda der Gegenwart sich weit von jener aus Sowjetzeiten wegentwickelt hat. Es gehe weniger darum, final überzeugende Botschaften unters Volk zu bringen. Die Propaganda solle eher „Grenzen der Interpretation“ setzen, also definieren, welche Themen und Deutungen in der Öffentlichkeit akzeptabel sind. Dazu diene zum Beispiel der „Tag des Sieges“. Und verdeckte Netzwerke, eingekaufte Influencer und plattformübergreifende Arbeit seien wichtiger als offene Staatsmitteilungen. In der Betrachtung des Umgangs mit Verlusten im Krieg stellten die Experten zudem fest: die Botschaften sind auch regional verschieden. (Quellen: „Crisis, Control, Crusade: Russia‘s Propaganda Architecture“, eigene Recherchen)