Huthi im Jemen: Eine Bedrohung für die ganze Region
„Tod für Amerika! Tod für Israel!“, skandierte am Freitagabend eine Menschenmenge in Richtung eines riesigen Bildschirms auf dem Revolutionsplatz in Teheran. Dort flimmerte nicht das Antlitz eines Anführers aus der iranischen Hauptstadt. Vielmehr gab ein Kader der jemenitischen Huthi-Rebellen den Einpeitscher.
Iran, das selbst die Straße von Hormus kontrolliert, spielt es in die Karten, dass seine jemenitischen Verbündeten jetzt eine weitere Wasserstraße dieses Kalibers in der Region im Würgegriff halten. Die Huthi, so heißt es übereinstimmend von Fachleuten, dürften sich diesen Hebel nicht so einfach entreißen lassen. Es werde sehr schwierig werden, sie wieder zurückzudrängen. Es gebe kaum noch gute Optionen, womöglich gar keine.
Für Iran sind die Huthi durch ihren Eroberungszug noch wertvoller geworden. Sie gelten als die Aufsteiger der von Teheran angeführten „Achse des Widerstands“, einer Allianz, die sich die Vernichtung Israels und die Vertreibung der Vereinigten Staaten aus der Region auf die Fahnen geschrieben hat. Sie werden von ihresgleichen als „Märtyrer der Meere“ gefeiert. Außerdem erhöhen sie den Druck auf den gemeinsamen Rivalen Saudi-Arabien, das eine Anti-Huthi-Koalition anführt.
Die Zusammenarbeit ist in der jüngeren Vergangenheit immer enger geworden. „Im Dschihad-Rat, dem wichtigsten militärischen Führungsgremium, sitzen Vertreter der iranischen Revolutionswächter“, erklärt Farea al-Muslimi, Experte von der Denkfabrik Chatham House. „Natürlich stimmen sich die Huthi mit Iran ab.“ Die jemenitischen Rebellen wollen nach seinen Worten, zum wichtigsten Alliierten Irans in der Achse aufsteigen. Ähnlich der Hizbullah in Libanon, die lange Zeit als Kronjuwel der von den iranischen Revolutionswächtern gelenkten Schattenarmee arabischer Milizen galt. Sie weiten ihren Einfluss in der Achse und der Region aus.
Sicherheitsfachleute sagen, es gebe inzwischen auch Huthi-Zellen im Irak. Ende Juli berichtete die Nachrichtenagentur Reuters unter Berufung auf regionale Regierungsfunktionäre, die Huthi hätten von dort gemeinsam mit irantreuen irakischen Milizen Raketen auf Saudi-Arabien abgeschossen. „Aber sie haben noch lange nicht die politische Reife“, sagt al-Muslimi. „Sie agieren nicht raffiniert und staatstragend, sondern rücksichtslos und aggressiv. Für die Huthi zählt nur rohe Macht.“
Zugleich gelten die Huthi – anders als die Hizbullah – nicht als willfährige Befehlsempfänger des Regimes in Teheran. Weder sind sie ein iranisches Geschöpf, wie die libanesische Schiiten-Organisation. Noch folgen sie dem iranischen Prinzip der „Herrschaft des Rechtsgelehrten“ (velayat-e faqih), das den iranischen Obersten Führer auch zu ihrem Anführer machen würde.
Tief geprägt durch Irans Ideologie
Die Huthi-Rebellion hatte anfangs nur begrenzte Kontakte zur Islamischen Republik. Sie war in den achtziger und neunziger Jahren des vorigen Jahrhunderts als eine religiös geprägte Bewegung in der nordwestjemenitischen Provinz Saada entstanden. Es ist das Kernland der Zaiditen, Anhängern einer Minderheitenrichtung im schiitischen Islam.
Die Huthi waren getrieben von der politischen und wirtschaftlichen Marginalisierung ihrer Heimatregion durch das Regime in der Hauptstadt Sanaa. Außerdem vom Unbehagen gegenüber der Verbreitung des erzkonservativen sunnitischen Salafismus durch das nördliche Nachbarland Saudi-Arabien.
Der iranische Einfluss war vor allem ideologisch. Das israel- und amerikafeindliche Gedankengut hat tiefe Spuren in der Bewegung hinterlassen. Erst viel später leisteten Iran und die Hizbullah den Huthi wertvolle Unterstützung, indem sie mit Ausbildern und Waffenlieferungen maßgeblich zum Aufbau eines schlagkräftigen Drohnen- und Raketenarsenals beitrugen. Laut Expertenberichten haben die Huthi auch moderne Schiffsabwehrraketen iranischer Bauart erhalten, sie verfügen demnach ebenfalls über Unterwasserdrohnen und Torpedos.
„Die Huthi wären ohne Iran nicht das, was sie heute sind“
„Die Huthi wären ohne Iran nicht das, was sie heute sind – aber sie agieren trotz der engen Waffenbrüderschaft heute unabhängig von Iran“, sagt Mohammed al-Basha von der Beratungsfirma Basha Report. „Sie folgen iranischen Wünschen, wenn sie glauben, dass es ihren Interessen dient, wenn sie glauben, dass das nicht der Fall ist, tun sie es nicht.“ Nach seiner Einschätzung war das iranische Vorgehen in der Straße von Hormus eine Inspiration für die Huthi. „Sie haben den Schluss gezogen, Saudi-Arabien mit Härte und militärischen Mitteln zum Einlenken zu zwingen.“
Vor der jüngsten Eskalation im Jemen waren Verhandlungen zwischen Riad und den Huthi über einen Ausweg aus dem Konflikt festgefahren. Die Huthi wollten vor allem erreichen, dass das Königreich seine Blockade gegen ihr Herrschaftsgebiet lockert. Jetzt stören sie im Gegenzug saudische Ölexporte über das Rote Meer mit ihrem Raketenterror und greifen auch zivile Infrastruktur im Nachbarland an.
Sie haben sich trotz militärischen Drucks behauptet
Trotz allen auch militärischen Drucks haben sich die Huthi, die weite Teile des Nordjemens und die Hauptstadt Sanaa kontrollieren, länger als ein Jahrzehnt behauptet. Sie können laut übereinstimmender Einschätzung von Fachleuten mittlerweile auch unabhängig von iranischer Unterstützung existieren. „Sie stehen finanziell auf eigenen Füßen“, sagt Farea al-Muslimi. „Sie beherrschen ein großes Territorium und eine Bevölkerung, die sie mit einem Staatsapparat zu Abgaben zwingen können.“
Außerdem füllten die Huthi ihre Kriegskasse, indem sie den knappen Treibstoff im Jemen mit Gewinn weiterverkauften. „Es würde mich auch nicht wundern, wenn die Huthi trotz anderslautender Beteuerungen in der Zukunft unter dem Tisch Abgaben für die sichere Passage von Schiffen durch das Bab al-Mandab erpressen.“
Gefährliche Somalia-Connection
Auch, was die Versorgung mit Waffen betrifft, sind die Huthi inzwischen einigermaßen unabhängig. „Die Huthi haben ein weites, widerstandsfähiges Schmuggelnetz aufgebaut“, erklärt Taimur Khan, ein Fachmann, der sich seit 2018 mit dem Arsenal der Huthi beschäftigt und seither regelmäßig auch vor Ort arbeitet. Dieses Netz reicht bis nach Somalia, wo die schiitischen Rebellen nach Khans Worten mit den berüchtigten sunnitischen Extremisten der Gruppe al-Schabaab zusammenarbeiten, ebenso mit dem organisierten Verbrechen.
Der Schmuggel mit Kleinwaffen wie Sturmgewehren oder Panzerfäusten laufe längst auch aus dem Jemen heraus in Richtung Ostafrika, erklärt er weiter. Die Huthi versorgen sich demnach mit Bauteilen für die eigene Drohnenproduktion. „Die Hauptroute läuft über Dschibuti“, erklärt Khan. „Dort unterhalten die Huthi Scheinfirmen.“
Schmuggelgut, das in der ostafrikanischen Hafenstadt ankomme, werde falsch deklariert und auf Dhaus, traditionellen kleinen Schiffen, in den Jemen weitertransportiert. „Der Jemen ist eine Drehscheibe für Waffen und Drogenschmuggel geworden“, sagt Khan. Er ist nicht der einzige Fachmann, der auf die steigende Gefahr durch die Somalia-Connection der Huthi hinweist. „Die Beziehung zu al-Shabaab reift und wird immer weiter ausgebaut“, sagt er.
Eine Stärke der Huthi ist die Schwäche ihrer Feinde
Der Aufstieg der Huthi und ihre militärischen Erfolge werden durch einen weiteren Umstand begünstigt: die Schwäche ihrer Feinde. Mehrere Fachleute sagen, die Anti-Huthi-Koalition habe die Rebellen, ihre Widerstands- und Schlagkraft immer wieder unterschätzt. Die Truppen der international anerkannten Regierung seien zwar besser ausgerüstet als noch vor Jahren, aber nach wie vor schlecht organisiert, was sich in den aktuellen Kämpfen wieder zeige.
Allein mit Luftangriffen wird es laut Einschätzung von Fachleuten und Geheimdiensten kaum möglich sein, die Huthi von der Küste zu vertreiben oder ihre Fähigkeiten, das Rote Meer mit Drohnen- und Raketenbeschuss zu überziehen, maßgeblich zu verringern. Ohne Erfolge an Land werde sich die Bewegung nicht eindämmen lassen.
„Die Abschussrampen der Huthi sind mobil und weit verstreut – die Geographie des Jemens hilft dabei, sie zu verbergen –, und die Netzwerke, die Komponenten, Waffen und Technologie schmuggeln, bestehen trotz aller Versuche, sie zu unterbinden, weiterhin fort“, heißt es in einer Analyse der jemenitischen Denkfabrik „Sanaa Center for Strategic Studies“.
Abu Dhabi sieht Saudi-Arabien beim Scheitern zu
Die derzeitigen Nackenschläge, die das Anti-Huthi-Lager einstecken muss, sind auch dessen Spaltung geschuldet. Jemenitische Akteure verfolgen eigene Interessen, begegnen einander mit Misstrauen und haben teils jahrzehntealte Konflikte nicht überwunden.
Die Führungsmacht Saudi-Arabien wiederum hat sich mit den Vereinigten Arabischen Emiraten überworfen, die ein militärisch wichtiger Verbündeter waren. Beide Führungen verfolgen im Jemen trotz der Feindschaft mit den Huthi widerstreitende Interessen. Abu Dhabi setzte auf die Unterstützung südjemenitischer Separatisten des Südlichen Übergangsrats (STC), die für eine Unabhängigkeit des Landesteils eintreten. Saudi-Arabien auf die international anerkannte Regierung.
Das Königreich arbeitet auch mit islamistischen Akteuren zusammen, die in der emiratischen Führung verhasst sind. Im Winter eskalierte ein Machtkampf zwischen dem STC und der Regierung. Riad griff sogar mit Luftangriffen ein. Abu Dhabi zog sich aus dem Jemen zurück – und sieht Saudi-Arabien jetzt bei seinem Scheitern zu.
Trump will nicht eingreifen
Auch der STC, dessen Auflösung Riad mit harten Bandagen erzwingen wollte, will seine Milizen derzeit nicht in den Kampf gegen die Huthi schicken. „Wir werden den Süden verteidigen und bereiten uns darauf vor“, sagt der STC-Außenbeauftragte Amr al-Beidh. „Aber wir werden nicht auf Befehl der Regierung oder Saudi-Arabiens agieren. Wenn es nach denen geht, dürfte es uns gar nicht geben.“
Dieser machte am Wochenende auch öffentlich deutlich, dass er derzeit kein Interesse daran hat, sich tiefer in den Jemen-Konflikt verwickeln zu lassen. „Wir haben Gespräche geführt. Die Huthi haben uns angerufen und gesagt, dass sie nicht gegen uns kämpfen wollen“, erklärte er am Samstag. „Sie würden es sehr viel lieber sehen, wenn wir uns nicht einmischen würden, und sie lassen die meisten Schiffe passieren. Es gibt ein Land, mit dem sie nicht allzu zufrieden sind, und das werden wir klären.“