VW-Werk Emden: Oberbürgermeister Kruithoff warnt vor Folgen des Aus ab 2031

Tim Kruithoff (parteilos), Oberbürgermeister der Stadt Emden. Foto: WirtschaftsWoche, picture alliance/dpa
VW-Dossier: „Volkswagen ist der Wohlstandsbringer für die gesamte Region“
Die Nachfrage steigt, die Kosten sinken – trotzdem bleibt die Zukunft des VW-Werks Emden offen. Oberbürgermeister Tim Kruithoff warnt vor den Folgen für ganz Ostfriesland.WirtschaftsWoche: Für das VW-Werk in Emden gibt es ab 2031 keine gesicherte Folgebelegung. Ist das eine verschleierte Schließungsankündigung?
Tim Kruithoff: Nein, das ist es nicht. Es ist natürlich ein Stück weit ein Trick, nicht von einer Werksschließung zu sprechen, sondern einfach keine Folgebelegung zu beschließen und die Produktion auslaufen zu lassen. Wir glauben trotzdem nicht, dass eine Schließung des Emder Werks am Ende zur Debatte stehen wird. Aber wir hatten erwartet, dass der Aufsichtsratsbeschluss vergangene Woche Klarheit über eine Folgebelegung bringt. Das ist leider nicht passiert. Für die Beschäftigten ist das ein weiterer Schlag in die Magengrube.
Was würde ein Ende der Fahrzeugproduktion für Emden und Ostfriesland bedeuten?
Volkswagen ist der Wohlstandsbringer für die gesamte Region. In den Sechzigerjahren waren wir das Armenhaus der Republik, dann kamen mit VW die Industriearbeitsplätze. Heute gibt es zwar weitere Betriebe, und auch die erneuerbaren Energien schaffen Jobs. Volkswagen ersetzen können sie aber nicht. Diese tarifgebundenen, hochwertigen Industriearbeitsplätze sind für die gesamte Region Ostfriesland unverzichtbar.
Wie erleben Sie die Stimmung unter Beschäftigten und ihren Familien?
In vielen Familien arbeiten die Menschen seit Generationen bei Volkswagen und identifizieren sich stark mit dem, was sie dort tun. Das hat man gemerkt, als wir vor zwei Jahren den 60. Geburtstag des Werks gefeiert haben. Als die Beschäftigten mit ihren Familien über das Gelände gegangen sind, haben sie voller Stolz gesagt: Da arbeite ich, das ist mein Anteil an diesem Auto. Man kann sich also vorstellen, was eine solche Unsicherheit mit den Menschen macht – zumal sie bereits Ende 2024 begonnen hat und jetzt über einen so langen Zeitraum anhält. Es fehlt eine klare Kommunikation von Arbeitgeberseite. Immer wieder gibt es unterschiedliche Schlagzeilen. Viele wissen gar nicht mehr, was sie noch glauben sollen. Manche versuchen, das alles nicht an sich heranzulassen. Andere sind wirklich tief betrübt – und „betrübt“ ist eigentlich noch ein euphemistisches Wort.
Zur Person
Tim Kruithoff (parteilos) ist seit November 2019 Oberbürgermeister der Stadt Emden.
Was macht das mit einer Stadt wie Emden?
Diese Sorge, diese Unsicherheit, zieht sich durch die gesamte Stadtgesellschaft. Um ein Beispiel zu nennen: Bevor ich Oberbürgermeister wurde, war ich Vorsitzender eines großen Sportvereins. In der ersten Männermannschaft sehe ich heute einige junge Spieler, die sich etwa für eine Ausbildung in Hamburg entscheiden und die Stadt verlassen. Andere bauen kein Haus oder kaufen kein Grundstück, weil sie nicht wissen, ob sie hierbleiben können. Die wirtschaftliche Unsicherheit trifft alle, bis hin zu kleinen Betrieben, wie Bäckereien, die merken, dass die Leute ihr Geld viel mehr zusammenhalten.
Könnten andere Industrien die Arbeitsplätze bei Volkswagen auffangen?
Wenn man schaut, wie viele Menschen morgens durch das Werkstor gehen, sind es rund 6600. Das sind Größenordnungen, die wir nicht auffangen können. Seit ich 2019 Oberbürgermeister geworden bin, haben wir unsere Wirtschaftsförderung neu aufgestellt und suchen gezielt nach anderen Chancen. Bei den erneuerbaren Energien sind in den vergangenen Jahren viele Arbeitsplätze entstanden. Trotzdem haben wir auch einige mögliche Ansiedlungen aus der Batteriefertigung an Frankreich und Kanada verloren – unter anderem wegen der hohen Energiepreise und weil die Förderbedingungen dort einfacher sind. Diese Wettbewerbsnachteile gleicht man nicht so einfach aus. Gleichzeitig haben wir in Emden einen Industriepark, in dem früher VW-Zulieferer saßen. Seit dem Wechsel vom Verbrenner zum Elektroauto produzieren sie anderswo in Europa; 67.000 Quadratmeter Hallenfläche stehen heute frei. Ihre Produkte werden quer durch Europa gekarrt, um hier verbaut zu werden – diese Stellen haben wir bereits verloren. Nun sollen dort mit einem Unternehmen aus dem Verteidigungsbereich 800 neue Arbeitsplätze entstehen. Aber selbst das könnte einen Wegfall von Volkswagen nicht ausgleichen, so sehr wir uns auch bemühen.
Ist die Spezialisierung des Emder Werks auf Elektroautos also auch Teil des Problems?
Nein, im Gegenteil. Ich sehe darin eine große Chance. Als Volkswagen 2019 entschieden hat, das Werk radikal umzustellen, gab es große Befürchtungen in der Belegschaft. Die Menschen hier haben lange den Käfer produziert, später Jahrzehnte den Passat – und plötzlich hieß es: Ab jetzt ist Schluss mit Verbrennern, jetzt bauen wir Elektroautos. Trotzdem haben sich die Mitarbeiter auf diesen großen Veränderungsprozess eingelassen. Das Verrückte an der jetzigen Situation ist: Die Nachfrage nach den hier produzierten Fahrzeugen steigt deutlich an. Das ist bereits dieses Jahr der Fall, für 2027 sehen die Bestelleingänge nochmal deutlich besser aus. Dazu kommt, dass der ID.4 eine Produktaufwertung bekommt, was die Nachfrage zusätzlich ankurbeln dürfte. Das Werk hat also allerbeste Voraussetzungen. Am Ende geht es natürlich immer um Volumen: Je mehr Fahrzeuge an einem Standort gebaut werden, desto geringer die Kosten pro Auto. Dann muss man auch den Vergleich mit Werken in Osteuropa nicht scheuen.
Genau das hatte VW-Chef Oliver Blume bei seinem Besuch bemängelt: Die Arbeitskosten in Emden seien mehr als doppelt so hoch wie an vergleichbaren europäischen Standorten.
Ich glaube nicht, dass der Vorstand ausreichend berücksichtigt, was das Werk bereits erreicht hat. In der vergangenen Woche war ich mit Ministerpräsident Olaf Lies und seiner Stellvertreterin Julia Willie Hamburg im Werk. Dort haben die projektverantwortlichen Mitarbeiter vorgestellt, mit welchen Maßnahmen sie die Kosten deutlich gesenkt haben. Das ist absolut beeindruckend – gerade in einem ohnehin sehr effizienten und stark durchgetakteten Werk. Die Leute strengen sich richtig an, das hat sie auch belastet. Aber sie sind auf Kurs und glauben, mit steigenden Stückzahlen die Vorgaben des Vorstands schaffen zu können. Was ich ganz persönlich menschlich schwierig finde: Man hat den Menschen Ende 2024 versprochen: Wenn ihr bis Ende 2026 diese Ziele erreicht, dann geht es mit dem Standort weiter und ihr bekommt Sicherheit. Kurz bevor sie an diesem Punkt sind, heißt es: Schade, die Rahmenbedingungen haben sich geändert, jetzt müsst ihr euch noch ein Jahr bewähren. Man hängt die Möhre immer ein Stück weiter. Genau das macht die Menschen mürbe. Und genau das ärgert mich.

Luftbild der Region um das Volkswagenwerk in Emden mit Außenhafen Emden, PKW Verladestation und SFL Schiff Wolfsburg Car Carriers Foto: WirtschaftsWoche, IMAGO/Hans Blossey
Was erwarten Sie in Zukunft von Volkswagen und vom Land Niedersachsen als Anteilseigner?
Die Vertreter des Landes befinden sich natürlich in einer schwierigen Doppelfunktion: Als Ministerpräsident und Ministerin vertreten sie die Politik, als Mitglieder des Aufsichtsrats sind sie zugleich den Unternehmensinteressen verpflichtet. Wir alle haben verstanden, dass Volkswagen unter Handlungsdruck steht. Dabei wurden auf mehreren Seiten Fehler gemacht – im Management, aber auch bei den politischen Rahmenbedingungen in Deutschland und Europa. Wichtig ist, dass die beiden eine Eskalation verhindert haben. Wir hätten uns zum Gespött der Welt gemacht, wenn der Vorstand am Aufsichtsrat vorbei eine Hauptversammlung einberufen hätte. Jetzt gibt es zwar noch keine Klarheit, aber zumindest einen gemeinsamen Weg. Den Vorstand darf man trotzdem nicht aus der Verantwortung entlassen. Die Arbeitnehmerseite hat konstruktiv mitgearbeitet, Herrn Blume bei der Betriebsversammlung wertschätzend empfangen und eigene Vorschläge vorgelegt. Nun ist der Vorstand am Zug und muss klar sagen, was Volkswagen als deutscher Autobauer eigentlich will. Wer Volkswagen heißt und für deutsche Automobilkunst steht, muss auch ermöglichen, dass diese Autos in Deutschland gebaut werden.
Wie wollen Sie als Oberbürgermeister um das Werk kämpfen?
Vor dem Besuch von Herrn Blume haben wir als Stadtrat eine umfassende Resolution verabschiedet, die sich neben dem Vorstand auch an die Bundesregierung und die Europäische Kommission richtet. Denn es gibt nicht die eine Rahmenbedingung, die sich ändern muss – es muss an vielen Stellen geschraubt werden. Ein Beispiel ist das Blockmodell der Altersteilzeit, das im Zuge der Rentenreform auf der Kippe steht. Dieses Instrument lässt Industrieunternehmen beim Personalabbau atmen. Es jetzt abzuschaffen, wäre völlig kontraproduktiv. Entscheidend ist zugleich, den Beschäftigten Klarheit und Stabilität zu geben. Deshalb war ich direkt nach dem Aufsichtsratsbeschluss im Werk. Das Schlimmste wäre, wenn die Menschen jetzt die Flinte ins Korn werfen und sagen: Es nützt ja doch nichts. Wir müssen dem Vorstand mit höheren Stückzahlen und geringeren Kosten zeigen, dass Emden zukunftsfähig ist und auch nach 2031 belegt werden muss.
Dabei drängt die Zeit. Für eine erfolgreiche Produktion nach 2031 braucht das Werk eine neue Lackiererei. Bis Ende dieses Jahres muss die Investitionsentscheidung fallen. Das ist für uns eine Art „Point of no Return“: Ohne die neue Lackiererei wäre eine erfolgreiche Produktion in Emden kaum möglich. Wir werden die Entscheidung deshalb eng begleiten. Ich mache mir nichts vor: Meine Möglichkeiten sind begrenzt. Aber ich habe in den vergangenen Wochen gekämpft wie ein Löwe – und das werde ich weiter tun.

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