Warum stockt der Glasfaserausbau in Erfurt?
Infrastruktur
Stand: 15.08.2026 06:00 Uhr
Der Glasfaserausbau in Erfurt kommt nur langsam voran. Die Telekom kritisiert die strengen Vorgaben der Stadt. Die Stadt verweist auf einheitliche Standards und notwendige Qualitätskontrollen. Dazwischen warten die Kunden.
von Bobo Mertens, MDR THÜRINGEN
Andreas Gisske aus Erfurt-Gispersleben wartet seit sechs Jahren auf seinen Glasfaseranschluss von der Telekom. Angeschlossen ist sein Unternehmen bis heute nicht. Der Unternehmer betreibt eine Werbetechnik-Agentur. Autos werden hier lackiert und mit Folien beklebt.
Gisske braucht für einen schnellen Arbeitsablauf auch eine schnelle Internetverbindung. "Wir bekommen täglich große Datenmengen von Media-Agenturen. Wenn man dann eine Datenmenge von 40 Gigabyte oder noch mehr bekommt, dann muss sie schnell geöffnet werden können, um sie dann auch weiterverarbeiten zu können."
Alle wollen einen schnellen Ausbau - doch bis das Glasfaserkabel beim Kunden ankommt, können Jahre vergehen.
Das Problem ist nur ein paar Meter entfernt. In der Straße neben seinem Unternehmen liegt bereits das Glasfaserkabel. Nur angeschlossen wurde es bisher noch nicht von der Telekom. Inzwischen hat Gisske zwei Router im Einsatz, um die fehlende schnelle Leitung auszugleichen.
Seine Geschichte ist kein Einzelfall, sie ist Teil eines größeren Problems: Der Glasfaserausbau in Erfurt kommt viel langsamer voran als geplant.
Telekom sieht die Stadt Erfurt als Bremserin
In Erfurt bauen derzeit sechs Telekommunikationsunternehmen das Glasfasernetz aus. Die Telekom als eines davon hat damit vor rund zehn Jahren begonnen. Dabei gibt es zwei unterschiedliche Wege: den privatwirtschaftlichen Ausbau durch das Unternehmen selbst und den vom Land geförderten Ausbau. Mit dem geförderten Ausbau begann die Telekom vor rund sechs Jahren.
Ursprünglich hatte das Unternehmen angekündigt, bis Ende 2026 rund 1.800 Haushalte über das Förderprogramm an das Glasfasernetz anzuschließen. Dieses Ziel ist bislang allerdings nicht erreicht: Nach Angaben der Telekom sind derzeit erst rund 280 Haushalte angeschlossen.
Als einen Grund nennt die Telekom die Bedingungen vor Ort. Hohe Anforderungen der Stadt an die Bauausführung, viele Abstimmungen und unterschiedliche Zuständigkeiten machten den Ausbau aufwendig. Nach Darstellung des Unternehmens haben die kleinteiligen Vorgaben sogar dazu geführt, dass Tiefbauunternehmen ihre Verträge beendet hätten.
Erfurter Firma baut weiter aus
Andrés Sommer kennt die Baustellen in Erfurt. Seine Firma Vebau baut für verschiedene Telekommunikationsunternehmen Glasfasernetze, nach eigenen Angaben derzeit mit mehreren Kolonnen in und um Erfurt. Er hält die Anforderungen der Stadt grundsätzlich für berechtigt. Denn Fehler beim Verlegen der Leitungen können Jahre später Folgen haben: "Die Stadt sieht, was rundherum passiert, was oft im Breitbandausbau in Deutschland passiert ist. Es werden nachhaltig die Verkehrsanlagen zerstört, wenn nicht fachlich richtig dort verfüllt beziehungswseise gebaut wird."
Schnell bauen allein ist kein Qualitätsmerkmal. Andrés Sommer
Das Problem liegt dabei nicht nur beim sichtbaren Teil der Baustelle. Wird der Untergrund nicht richtig vorbereitet, nicht ausreichend verdichtet oder wird er mit ungeeignetem Material verfüllt, kann die Straße später absacken oder aufbrechen. Dann ist der Glasfaserausbau zwar längst abgeschlossen, die Folgen aber bleiben. Andrés Sommer sagt deshalb auch: "Schnell bauen allein ist kein Qualitätsmerkmal." Gleichzeitig sieht er, dass die Anforderungen in Erfurt konsequent eingefordert werden.
"Schnell bauen allein ist kein Qualitätsmerkmal", sagt Vebau-Geschäftsführer Andrés Sommer.
Stadt weist Vorwurf der Telekom zurück
Christian Gräner vom Erfurter Tiefbau- und Verkehrsamt will, genau wie die Telekom, dass die Stadt schnell ein größeres Glasfasernetz bekommt. Die Stadt behindere den Ausbau nicht, sondern kontrolliere, ob die Arbeiten den geltenden Regeln entsprechen. "Es gibt deutschlandweit einheitliche Regelungen, die den Straßenbau beziehungsweise die Wiederherstellung des Straßenbaus definieren. Und da gibt es in Erfurt keine Extra-Regelung oder Sonderregelung."
Gräner sieht die Ursachen für Verzögerungen deshalb an anderer Stelle. Viele Planungen von Telekommunikationsunternehmen würden aus der Ferne erstellt. Auf dem Papier könne eine Trasse funktionieren, vor Ort stehe dann aber vielleicht ein Baum im Weg oder eine Leitung verlaufe anders als erwartet. Auch die fehlenden Fachkräfte, die eine Straße wieder instandsetzen können, fehlten bei vielen Tiefbaufirmen.
Zudem gebe es Schwierigkeiten bei der Kommunikation. Gerade bei überregional tätigen Unternehmen wechselten häufig die Ansprechpartner. Teilweise treffe das Tiefbauamt auf Baustellen auf Kolonnen, mit denen eine technische Abstimmung kaum möglich sei. Zum Beispiel durch Sprachbarrieren. Aus Sicht der Stadt entsteht so ein erheblicher Kontroll- und Nachbesserungsaufwand.
Christian Gräner vom Erfurter Tiefbau- und Verkehrsamt erkennt mehrere Gründe für den langsamen Glasfaserausbau.
Schnelligkeit gegen Qualität
Die Telekom will möglichst schnell möglichst viele Anschlüsse bauen und sieht die Stadt mit ihren Anforderungen als einen Faktor, der diesen Prozess verlangsamt. Die Stadt hält dagegen: Die Regeln seien nicht strenger als anderswo. Entscheidend sei, dass die Straßen nach dem Aufgraben dauerhaft fachgerecht wiederhergestellt werden. Für die Telekom ist das ein Kosten- und Zeitproblem. Für die Stadt geht es um die Infrastruktur, für die sie langfristig verantwortlich ist.
Im Idealfall sähe man einer Straße nicht an, dass Kabel verlegt worden sind.
"Vor zwei Tagen war die Telekom da"
Und für Menschen wie Andreas Gisske ist der Streit vor allem schwer nachzuvollziehen. Denn der Anschluss an sein Unternehmen scheitert nicht daran, dass das Glasfaserkabel erst noch durch die halbe Stadt verlegt werden müsste. Es liegt bereits in der Nachbarschaft.
Und nun könnte Gisskes Warten tatsächlich ein Ende haben. Vor wenigen Tagen stand die Telekom überraschend bei ihm vor der Tür. Der Anschluss soll hergestellt werden.
Dass es gerade dort vorangeht, hat mit den besonderen Bedingungen vor Ort zu tun: Die Straße, in der das Glasfaserkabel bereits liegt, ist privat. Die Stadt hat dort weniger Einfluss auf die Bauarbeiten. "Diese Straße hier, wo das Glasfaser drin liegt, ist Privatstraße, sodass da die Telekom natürlich weniger Barrieren hat. Und die Privatkunden sind ja im Endeffekt auch interessiert, das schnellstmöglich machen zu lassen. Aber nach fünf, sechs Jahren Wartezeit ist das, denke ich mal, auch jetzt bitter notwendig."
Sowohl die Stadt als auch die Telekommunikationsunternehmen wollen, dass Erfurt ein flächendeckendes Glasfasernetz bekommt. Beim Weg dorthin zeigen sich aber noch große Differenzen. Für den geförderten Ausbau steht inzwischen das Jahr 2030 im Raum.
MDR (mm)