Wenn 50 Tonnen schweben: Neue Brücke kehrt an alten Standort zurück
Stand: 23.09.2026, 19:00 Uhr
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Fünf Jahre nach dem Abriss bekommt Oberammergau die Rialtobrücke zurück. Der Stahlkoloss ist am Mittwoch an der Ammer eingehoben worden.
Oberammergau – Florian Schwarzfischer (BIO) hatte seine Kettensäge noch im Auto. Aus seinem „ersten Leben“, sagt er. Bevor er Bürgermeister wurde, leitete er einen Forstbetrieb, und manches Werkzeug legt man nicht einfach ab, nur weil man das Büro wechselt. An diesem Morgen brauchte er es wieder. Drei Bäume fällte Schwarzfischer selbst, weitere Äste mussten aus dem Weg. Alles in Absprache mit dem Wasserwirtschaftsamt. Platz schaffen für ein Bauwerk, über das Oberammergau jahrelang diskutiert hatte – und das nun tatsächlich kam.
Dabei hatte der Tag begonnen wie jeder andere. Um vier Uhr aufstehen, Schreibtisch, Tochter zum Bus bringen, gegen 6.45 Uhr Richtung Pilatushaus. „Alles ganz normal.“ Naja, wenn man die Vorgeschichte ausklammert. Seit dem Abriss des alten Pürschlingstegs am 4. Mai 2021 klafft an dieser Stelle eine Lücke über der Ammer. Mehr als fünf Jahre lang wurde geplant, gerechnet, gerungen. Nun ging es nicht mehr ums Wegnehmen. „Oft denkt man immer nur übers Abreißen und Kaputtmachen nach“, sagt Schwarzfischer. Diesmal wurde gebaut.

Und wie. Was sich am Mittwochvormittag vom Parkplatz Richtung Fluss schob, war 44 Meter lang und gut 50 Tonnen schwer. In der Nacht hatte ein Spezialtransport den komplett vorgefertigten Stahlkörper aus Wangen im Allgäu angeliefert. Schon die letzten Meter gerieten zur Uhrmacherarbeit mit einem Koloss. Rückwärts setzte der Lastwagen an, ein paar Zentimeter links, rechts, vor, zurück. Sie mussten 50 Tonnen Brücke durch ein Nadelöhr fädeln. Für 10 Uhr war der Einhub angekündigt. Nur hält sich eine Baustelle selten an Choreografie. Auf der anderen Ammerseite hatten sich mehr als 100 Schaulustige versammelt, bis Bauhof-Mitarbeiter sie vertrösteten. Später wiederkommen. Es dauert. Das Naturkino verschob seinen Beginn um ein paar Stunden.
Autokran der obersten Gewichtsklasse im Einsatz
Dass überhaupt so viel fertig anreisen konnte, war Teil des Plans. Andreas Hoyer, Geschäftsführer der Schwind Bauingenieure aus Mittenwald, nennt Transport, Montage und Einhub „das Interessanteste“. Also fertigt man möglichst viel vor. Für den letzten Akt stand ein Autokran aus der obersten Gewichtsklasse bereit, mit an die 700 Tonnen maximaler Traglast. Die bestehenden Widerlager blieben erhalten, wurden angepasst und neu verkleidet. Alles neu in den Boden zu setzen, sagt Hoyer, hätte die Kosten enorm nach oben getrieben.

Die neue Brücke sollte nicht nur passen. Sie sollte hierher passen. Veronika und Matthias Meichelböck haben ihr Architekturbüro wenige Gehminuten entfernt. „Wir sind die Landarztpraxis der Architektur“, sagt Matthias Meichelböck. Carport, Gewerbehalle, alles dabei. Und dann ein Bauwerk, das Jahrzehnte jeder Oberammergauer sehen wird. Ihre wichtigste Frage klingt deshalb wenig technisch. „Was ist die richtige Antwort in diesem wunderbaren Naturraum?“, sagt die Expertin. Auf der einen Seite Berge, auf der anderen das historische Oberammergau, dazwischen die Ammer und die Kreuzigungsgruppe. Die beiden gingen immer wieder hin, zu unterschiedlichen Jahreszeiten, sahen sich den Platz an, das Licht, die Landschaft, die alte Brücke.
Sie wollten sich dort nicht mit einem „Gestaltungsfeuerwerk verewigen“. Spektakulär genug sei schließlich die Umgebung. Also kein Architekten-Ego aus Stahl, sondern ein Bauwerk, das sich einfügt. Der Bogen der alten Rialtobrücke war markant, aber keineswegs gesetzt. Am Ende entschieden sie sich wieder dafür – auch weil die Ammer selbst hier einen weiten Bogen beschreibt. „Für das Auge ist das harmonischer, nichts Hartes“, sagt Veronika Meichelböck.
Anlieferung nur über Parkplatz möglich
Auch das Geländer erzählt diese Idee. Vorgeschriebene 1,30 Meter hoch, aber möglichst transparent. Kein Sichtschutz auf die Landschaft. Selbst Kinder sollen zwischen den Stäben Wasser, Berge und Ufer sehen können. Die neue Brücke soll nicht die Aussicht sein, sondern Aussicht ermöglichen.
Dass ausgerechnet die lokalen Architekten den Wettbewerb gegen zwei Münchner Büros und eines aus London gewannen, hatten sie selbst nicht erwartet. Zwei Jahre später standen beide am Fluss und beobachteten, wie ihre Zeichnungen tonnenschwer Wirklichkeit wurden. Die Logistik hatten sie schon vom ersten Entwurf an mitdenken müssen. Wie bekommt man dieses Ding überhaupt hier hinein? Schon in einem alten Film aus der Ortschronik war zu sehen, welchen Aufwand die Vorgängerin verursacht hatte. Im Grunde blieb nur der Weg über den Parkplatz. „Das hat ganz viel bestimmt“, sagt die Architektin. Ihr Mann formuliert die hohe Ingenieurskunst so: „Eine Brücke ist keine Rakete, aber wenn es am Ende nicht passt, ist es blöd.“ Am Ende passte sie.
Fertigstellung im November
Fertig ist sie trotzdem noch nicht. Der Cortenstahl wird erst mit Wetter und Zeit seine rotbraune Patina entwickeln. Sie schützt ihn später zugleich vor Korrosion. Asphalt, Beleuchtung im Handlauf, Böschung und Rückbau der Baustellenwege fehlen ebenfalls noch. Rund 1,3 Millionen Euro kostet das Projekt, etwa 900 000 Euro kommen aus Fördermitteln. Bis November soll das Projekt abgeschlossen sein.
Offiziell heißt das Bauwerk Pürschlingsteg. Aber das sagen die wenigsten Ammergauer. Schon die rot angehauchte Holzbrücke zuvor wurde praktisch unmittelbar nach ihrer Errichtung „Rialtobrücke“ getauft. „So was hält sich hartnäckig“, sagt Matthias Meichelböck. Er und seine Frau waren übrigens schon in Venedig. Schwarzfischer nicht. Welche Rialtobrücke schöner ist? Die Meichelböcks müssen nicht lange überlegen. „Auf jeden Fall die in Venedig“, sagt Matthias. „Aber wir waren bemüht, dem Original nahezukommen.“