Wie 422 Mädchen die Bildung revolutionierten


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Wie 422 Mädchen die Bildung revolutionierten

1892 eröffnete in Wien das erste deutschsprachige Mädchengymnasium – gegen massive Vorurteile. Viele der Pionierinnen sind heute aber vergessen

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Ruth Pfosser

Vor 134 Jahren, am 10. Oktober 1892, betreten 30 Mädchen und junge Frauen in Wien eine Schule, die es eigentlich noch gar nicht geben durfte: ein Gymnasium für Mädchen.

Klassenfoto des ersten Jahrgangs des Mädchengymnasiums um 1893 aus dem Archiv der Familie Kraus (Nachlass Grete Müller).

Ein paar Zimmer im städtischen Pädagogium

Mit dem ersten Schulgang der Gymnasiastinnen beginnt in einigen Räumen des städtischen Pädagogiums in Wien, Hegelgasse 12, ein Experiment mit weitreichenden Folgen.

In einer Zeit, in der Mädchen von höherer Gymnasialbildung und vom Hochschulstudium weitgehend ausgeschlossen sind, eröffnet die Gymnasiale Mädchenschule neue Möglichkeiten. Die Schülerinnen sind bei ihrem Eintritt zwischen zwölf und 22 Jahre alt. Sie lernen unter anderem Latein und Griechisch, Mathematik, Biologie und Physik.

Ihr Ziel: die Matura – und schließlich ein Studium an der Universität. Doch auf ihren Leistungen lastet eine gesellschaftliche Beweisfrage: Sind Mädchen zu höherer Bildung, Matura und Studium, überhaupt fähig?

Nicht für die Wissenschaft geschaffen?

Manche Männer bezweifelten die intellektuellen Fähigkeiten von Frauen unmittelbar. Der Münchner Anatom und Universitätsprofessor Theodor von Bischoff etwa hatte 1871 das geringere durchschnittliche Hirngewicht von Frauen als vermeintlichen Beleg gegen das Frauenstudium herangezogen.

Andere betonten die Notwendigkeit der Beibehaltung der traditionellen Rollenverteilung. Der Geologe, Wiener Universitätsprofessor und Reichsratsabgeordnete Eduard Suess formuliert es 1891 so: "Für mich gibt es im ganzen Leben kein erhabeneres, kein edleres Bild als das einer Mutter, die hingebungsvoll ihre Schuldigkeit tut, und ein anderes Ziel sollte man dem weiblichen Geschlecht nicht stellen."

Nur eine Generation später überschreitet eine Schülerin des Mädchengymnasiums diese Grenzziehung auch in dem Fachgebiet, das eng mit der Familie Suess verbunden war: Hilda Gerhart, die von 1895 bis 1901 die Gymnasiale Mädchenschule besucht, promoviert 1905 als erste Frau im Fach Mineralogie und Petrographie an der Universität Wien.

Neben ihrer Tätigkeit als Lehrerin forscht sie weiter und arbeitet gemeinsam mit Franz Eduard Suess, dem Sohn Eduard Suess', an der geologischen Kartierung des Waldviertels.

Ausschnitt aus dem Schulkatalog der Schülerin Gerhart Hilda für die erste Klasse im Schuljahr 1895/96.

Matura bestanden – Vorurteil widerlegt

Bis 1906 darf die Schule selbst keine Maturaprüfungen durchführen. Die ersten Absolventinnen müssen deshalb 1898 als Externistinnen am Akademischen Gymnasium antreten. Vor Lehrern, die den Mädchen nicht immer wohlgesonnen sind. Die Schulleitung empfiehlt daher das Ablegen der Matura an den Gymnasien in Graz oder Prag.

Der Abschluss ist für die Gymnasiastinnen mehr als ein persönlicher Erfolg: Jede bestandene Prüfung wird zu einem empirischen Beleg der intellektuellen Ebenbürtigkeit von Frauen. Die angehenden Studentinnen wissen, sie selbst werden von den erkämpften Möglichkeiten nur begrenzt profitieren, vor allem aber den nachfolgenden Generationen den Weg ebnen.

Erfolgreich und trotzdem vergessen

Der Erfolg dieses Bildungsexperiments lässt sich zählen: 422 Mädchen und junge Frauen besuchen das Mädchengymnasium in den ersten zehn Jahren seines Bestehens. Bis 1915 erwerben 127 von ihnen, rund ein Drittel, an der Universität Wien ein Doktorat oder das Magisterium der Pharmazie. Doch diese Erfolge zeigen nur einen kleinen Ausschnitt. Für 237 der insgesamt 422 Schülerinnen findet sich bis heute kein biografischer Nachweis in den elf untersuchten Quellen und Referenzsystemen.

Von Margarete "Margit" von Ernst etwa kennen wir das Geburtsdatum 24.1.1878, die Wohnadressen in der Bäckerstraße 9 und Stoß im Himmel 1 während der Schuljahre am Mädchengymnasium von 1892 bis 1898. Wir können sie sogar auf dem Klassenfoto identifizieren: Sie sitzt in der vordersten Sesselreihe als Zweite von links, neben ihrer Freundin Margarete "Grete" Müller (Dritte von links), in deren Familie sich Dokumente und Erinnerungen erhalten haben. Aber ob sich der weitere Lebensweg von Margit von Ernst in einem Fotoalbum, einem Brief oder unter einem späteren Namen erhalten hat, wissen wir noch nicht.

422 Schulmädchen suchen ihre Geschichte

Dass Mädchen und Frauen heute selbstverständlich höhere Schulen und Universitäten besuchen, ist auch den Pionierinnen am ersten deutschsprachigen Mädchengymnasium zu verdanken.

Helfen Sie mit, ihnen ihre Geschichte zurückzugeben, ihr Leben wieder sichtbar zu machen und damit daran zu erinnern, dass gesellschaftlicher Wandel nicht einfach geschieht, sondern von Menschen angestoßen und getragen wird. (Ruth Pfosser, 9.10.2026)

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