Wie das "Burnerverse" digital Jagd auf junge Frauen macht


Digitale Gewalt

Millionenfach verbreitete intime und verstörende Aufnahmen, die Veröffentlichung persönlicher Daten und Hetze: Der Fall einer US-Studentin zeigt, wie das "Burnerverse" junge Frauen systematisch an den Pranger stellt

14. Oktober 2026, 13:08

Eine Studentin der Cornell University sitzt auf dem Boden vor einer Glasfassade, arbeitet an einem Laptop und ist von Protestplakaten umgeben. Auf den Plakaten stehen Botschaften wie „Boys will be held accountable!“ und „Stop protecting rapists“. Daneben steht eine Wasserflasche und eine Tasche. Die Szene findet im Rahmen eines Campus-Protests gegen den Umgang der Universität mit einem sexuellen Übergriff statt.
Zuletzt wurden Vorwürfe schwerer sexueller Gewalt an der Cornell University laut. Auch die massive digitale Hetze gegen Maddie Kowalski mit sexualisiertem Inhalt nahm ihren Anfang im studentischen Umfeld.

Die Studentin Maddie Kowalski wurde Opfer einer massiven Online-Hasskampagne. Im November 2025 tauchten Bilder und Videos der damals 19-jährigen Studentin auf, die sie stark alkoholisiert, nackt und bei sexuellen Handlungen zeigten. Sie könne sich nicht daran erinnern, sagt Kowalski. Als eine Freundin sie erstmals darauf aufmerksam macht, ist das erst der Anfang einer extremen digital geführten Kampagne gegen die Frau, die von der massiven und enorm schnellen Verbreitung der sexualisierten Bilder bis hin zu Aufforderungen, Suizid zu begehen, reichte.

Das Magazin Wired berichtete Anfang Oktober von diesem Fall von Online-Hetze, an der sich User millionenfach beteiligten. Die Bilder und Videos von Maddie Kowalski kursierten zunächst über Snapchat und YikYak im studentischen Umfeld der University of Florida sowie in dortigen Studierendenverbindungen. Später wurden sie auch über die Plattform X verbreitet, wo sie millionenfach angesehen wurden.

Die Recherchen zeigten auch, dass es sich um keinen Einzelfall handelt und ein solches gezieltes Vorgehen auf eine lose Online-Community namens "Burnerverse" zurückgeht. Im Zuge der Recherchen stießen die Journalist:innen auf neun weitere Frauen, die von ähnlichen Hetzkampagnen betroffen waren.

Anonyme Schikane

Der Name "Burnerverse" leitet sich von den anonymen "Burner-" oder "Wegwerf-Accounts" ab, hinter denen man seine echte Identität verbirgt. Grundsätzlich beschäftigt sich das Burnerverse vorwiegend mit College-Sport, ein Teil der Community verwendet das Netzwerk jedoch für die Verbreitung persönlicher Informationen über Frauen, um intime Aufnahmen von ihnen zu verbreiten, sie öffentlich zu demütigen und ihren Ruf zu zerstören.

"Die Eltern, die Großeltern, alle Menschen im eigenen Umfeld sehen es. Das ist eine Demütigung und eine Verletzung der Privatsphäre, die kaum zu begreifen ist", sagt Wired-Redakteurin Ej Dickson in dem Podcast Today, Explained, in dem sie über ihre Recherchen sprach.

Seit beinahe einem Jahr schikanieren anonyme Menschen Kowalski. Sie veröffentlichten alte Fotos von ihr, posteten Informationen zu Familienmitgliedern, etwa das LinkedIn-Profil ihres Vaters. Kowalski zog sich zeitweise aus dem Studium zurück, litt an einer posttraumatischen Belastungsstörung, bekam Haarausfall und Ausschläge. Sie wandte sich an die Polizei, an die Universität und an X, um Beiträge löschen zu lassen, die allerdings rasch sowie doppelt und dreifach wieder auftauchten. Acht Monate nachdem Kowalski Anzeige erstattet hat, gibt es nun eine Anklage gegen drei Männer.

"Diese Community arbeitet rasend schnell daran, das Leben von Frauen zur Hölle zu machen", sagt Wired-Redakteurin Dickson. Im Burnerverse seien zwar viele College-Studenten aktiv, letztlich seien es aber unterschiedlichste Männer, man könne sie nicht auf einen bestimmten Typus einschränken, sagt Dickson – und genau das mache es so beängstigend.

Nicht schweigen

Opfer der Angriffe sind junge Frauen, die angeblich in irgendeiner Weise gegen eine sexuelle Norm oder Moralvorstellungen verstoßen hätten. Sie greifen Gerüchte über das Sexleben dieser Frauen auf oder streuen selbst solche Gerüchte, leaken private Textnachrichten und veröffentlichen Fotos – und sorgen dafür, dass all das möglichst große Aufmerksamkeit erhält. Ej Dickson berichtet von unzähligen Tweets, in denen lediglich der Name einer jungen Frau mit der Aufforderung gepostet wurde: "Macht sie berühmt, lasst sie viral gehen."

Das "Burnerverse" begann sich im Juni 2024 zu formieren. Damals veröffentlichte ein Nutzer den Namen einer Studentin der Southeastern Conference (SEC), einer großen Universitätsliga im Süden der USA. Über sie wurde behauptet, sie habe "mit ungefähr 35 Prozent der SEC" geschlafen. Ihr Name wurde auf X zum Trend. Seitdem macht das Burnerverse systematisch junge Studentinnen ausfindig, um sie öffentlich an den Pranger zu stellen.

Maddie Kowalski wollte nicht mehr schweigen. Manche Familienmitglieder rieten ihr davon ab, öffentlich darüber zu sprechen – aus Sorge, dass so noch mehr Belästigung entstehen könnte. Im Dezember 2025 veröffentlichte sie auf ihrem Instagram-Account ein Video, in dem sie über die Hetzkampagne gegen sie spricht. "Nachdem ich nun ein wenig Zeit hatte, alles zu verarbeiten, wollte ich mich hier zu Wort melden und etwas mehr über mich selbst und all das erzählen, was ich durchgemacht habe", sagte sie. "Ich werde versuchen, so offen und transparent wie möglich zu sein."

"Alle anderen drehten Videos über mich, und ich soll nicht einmal selbst eines aufnehmen oder für mich sprechen", das wollte Kowalski nicht. Sie möchte anderen Betroffenen helfen, indem sie etwa auf rechtliche Hilfsangebote aufmerksam macht, wenn intime Bilder oder Videos ohne ihre Zustimmung auftauchen. (beaha, 14.10.2026)