„Wie ein Truppenübungsplatz“: Kritik an Militärflügen über Almvieh


Stand: 15.09.2026, 19:00 Uhr

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Spektakulär und wichtig, aber für Nutztiere oft erschreckend: Bundeswehr-Soldaten springen aus einem Hubschrauber bei einer Übung 2023 im Estergebirge.

Notwendig sind die Gebirgsübungen der Bundeswehr (hier 2023 im Estergebirge), das stellt niemand infrage. Doch zu manchen Zeiten und in manchen Gebieten sorgen sie bei Almbauern für Sorgen und Ärger. © Bundeswehr

Ein Jahr nach dem Unglück an der Kämialm fliegen Helikopter noch immer über weidendes Vieh. Die Bundeswehr bestreitet die Flüge – doch ausländische Streitkräfte melden sich nicht mal an.

Garmisch-Partenkirchen – Alle etwa 130 Tiere sind gut im Tal angekommen. Rund um die Wettersteinalm grasen keine Kälber und Ochsen mehr. Jetzt könnten die Hubschrauber und Soldaten kommen. Könnten üben, ohne Tiere in Panik zu versetzen. So würden sich das die Hirten und Weidegenossen wünschen. Doch wieder erlebten sie einen Almsommer, in dem sie um ihr Vieh bangten.

Helikopter kreist über Vieh: Wirtin platzt der Kragen

Am 11. August platzte Annemarie Grasegger kurz der Kragen. Auf Instagram veröffentlichte die Wirtin der Wettersteinalm das Foto eines Helikopters, der direkt über dem Vieh kreist. „Wir haben die Schnauze gestrichen voll von diesen Hubschrauberflügen“, schrieb sie dazu. Ausgerechnet an diesem Tag jährte sich der grausame Absturz mehrerer Kälber an der Kämialm zwischen Schachen und Gamsanger. Ihr Mann Hannes, Hirte der Partenkirchner Weidegenossen, hatte sie entdeckt. Die Almbauern sind überzeugt: Eine Massenpanik hat das Unglück ausgelöst, verursacht durch Hubschrauberflüge. Trotz vieler Gespräche habe sich nichts verbessert – im Gegenteil, klagte Annemarie Grasegger in ihrem Instagram-Beitrag. Darüber hinaus möchte sie sich nicht äußern. In diesem Moment, sagte sie auf Anfrage, wollte sie einfach ihrem Ärger Luft machen.

Joseph Grasegger versteht’s. Er kennt das Bild und einige weitere. Als Vorsitzender der Weidegenossenschaft Partenkirchen bekommt er während der Weidezeit alle Hubschrauber-Fotos von den Almen, die leitet er ans Landratsamt weiter. Damit dokumentiert er, was sich auf dem Papier nicht belegen lässt: Die Übungen werden immer mehr. Und das Vieh leidet.

Thematik nicht neu – trauriger Höhepunkt am 11. August 2025

Das Thema ist nicht neu, mittlerweile aber hat es sich zu einem großen Problem entwickelt. Mit einem traurigen Höhepunkt an diesem 11. August 2025. 15 Rinder starben. Ob die Tiere tatsächlich ein Helikopter aufgeschreckt hatte, ließ sich nicht beweisen, für die Almbauern besteht kein Zweifel. Ein runder Tisch wurde ins Leben gerufen, um Lösungen zu finden.

Man traf sich im Mai. „Alles war da, was Rang und Namen hat“, sagt Grasegger. Bundeswehr-Führungskräfte, Politiker, Verantwortliche aus dem Landratsamt, Vertreter der Bayerischen Staatsforsten und der Weidegenossen. Hoffnung legte Grasegger in den Austausch. Doch als er in die Gesichter der ranghohen Soldaten blickte, sah er Gleichgültigkeit. „Dieser Eindruck ist bei mir entstanden.“ In diesen unsicheren Zeiten sei womöglich kein Platz für die Bedürfnisse von Tieren. Das Manöverüben gehe über alles.

Von Rücksicht ist nichts zu merken

Dabei verlangt niemand einen Stopp. Nur eine Anpassung. Nach dem Treffen erarbeiteten die Weidegenossenschaften Karten, auf denen sie gefährliche Bereiche mit Absturzgelände markierten, die das Militär während der sechs bis acht Wochen Almzeit meiden möge. „Ausgemacht war: Sie nehmen Rücksicht“, sagt Grasegger. Davon merkt er nichts. „Es gäbe so viele andere Berge, wo keine Tiere weiden. Aber die kommen alle zu uns.“

Tatsächlich scheinen vor allem Partenkirchner Gebiete betroffen, besonders die Wetterstein- und Kämialm. Eng tauscht sich Christian Neuner als Bezirksalmbauer mit den Weidegenossenschaften in der Region aus. Nirgends sonst erlebt der Mittenwalder derart massive Probleme. Als „Respektlosigkeit“ empfindet er die Flüge zur Weidezeit. „Für mich ist das unbegreiflich.“ Auch ihn beschleicht das Gefühl, dass das Wohl der Tiere in Militärkreisen wenig zählt. „Die Wehrfähigkeit hat oberste Priorität.“ Kein Platz für Kompromisse.

Bundeswehr stellt sich gegen Vorwürfe

Was nicht stimmt, betont ein Sprecher des Heeres. Keinen Zweifel lässt er an der Notwendigkeit der Gebirgsflüge. Die spezialisierten Piloten brauchen sie für ihre Lizenzen. „Der Erhalt der Flugfähigkeit der Bundeswehr unter sämtlichen Klima- und Geländebedingungen trägt unmittelbar zur Verteidigungsfähigkeit Deutschlands bei.“ Aber er stellt klar: „Während der Weidezeit werden die gemeldeten Flächen nicht überflogen“, zumindest nicht durch Maschinen des Transporthubschrauberregiments 30 und des Hubschraubergeschwaders 64, die im Alpenraum üben. Dies werde bei der Flugplanung sichergestellt. Wer also kreist über den Partenkirchner Rindern?

Immer wieder hat Grasegger Hubschrauber belgischer, niederländischer, britischer und US-amerikanischer Streitkräfte entdeckt. „Das geht’s zu wie auf einem Truppenübungsplatz.“ Mit der Kaserne in Mittenwald klappe die Zusammenarbeit gut. „Aber krieg‘ darüber hinaus mal einen Kontakt.“ Dem Landratsamt liegen keine Informationen über Übungen ausländischer Streitkräfte vor. Der Bundeswehrsprecher äußert sich dazu nicht.

„Flugverkehr schlimmer als zuvor“

Grasegger bleibt dabei: „Der Flugverkehr ist schlimmer als zuvor.“ In Zahlen lässt sich das nicht belegen. Wie 2025 nach dem Unglück verzeichnet das Landratsamt „keinen signifikanten Anstieg militärischer Hubschrauberflüge“. Lediglich sieben waren bei der Behörde zuletzt gemeldet. Auf Nachfrage bestätigt Sprecher Stephan Scharf jedoch, dass nicht jede Übung angemeldet werden muss.

Bezirksalmbauer Neuner treibt das Thema um. Sorgen macht er sich auch um die Zukunft der Almen. „Was, wenn wieder ein Unglück passiert?“ Wenn die Hirten Tag für Tag bangen müssen, ob sie wieder Kälber und Rinder verlieren? Wenn es ihnen zu gefährlich wird, die Tiere auf die Hochalmen zu treiben? „Was dann?“ Wer kümmere sich dann noch um die Pflege der Weiden, um den Erhalt der Artenvielfalt? Eine rhetorische Frage, Neuners Antwort schwingt mit: niemand. (kat)