175. Geburtstag: Was die "New York Times" so erfolgreich macht - HORIZONT
Die "NYT" wirft mehreren KI-Firmen vor, sie hätten ohne Erlaubnis das Wissen aus Millionen Artikeln verwendet, und hat sie verklagt
Einst als seriöse Alternative zu reißerischen Zeitungen im Big Apple gegründet, wird die "New York Times" heute bewundert, angefeindet - und steht vor großen Herausforderungen.
Die allererste Titelseite der "New York Times" war eine Bleiwüste. Sechs Spalten Text in klein gedruckter Schrift prangten auf der am morgigen Freitag (18. September) vor 175 Jahren erschienenen ersten Ausgabe der "New-York Daily Times", wie sie damals noch hieß. Keine Fotos, noch nicht einmal deutlich hervorgehobene Schlagzeilen, dafür nach Weltregion geordnete Kurznachrichten, unter anderem aus Großbritannien, Italien und der Schweiz sowie natürlich New York und den USA. Preis der Ausgabe vom 18. September 1851: Ein Cent.
Heute kostet eine Print-Ausgabe der "NYT" wochentags vier Dollar (etwa 3,40 Euro), es gibt große Schlagzeilen und bunte Fotos - alles unter dem stets oben links abgedruckten Motto: "All the News That's Fit to Print" (auf Deutsch etwa: Alle Nachrichten, die es wert sind, abgedruckt zu werden). Über die mehr als 60.000 Ausgaben, die in diesen 175 Jahren veröffentlicht worden sind, hat sich die Medienwelt mehrfach komplett verändert - und die von noch etwa 550.000 Menschen abonnierte Print-Ausgabe ist längst nicht mehr der Goldesel der New York Times Company.
Sohn eines Einwanderers aus Fürth etablierte die Zeitung
Gegründet wurde die Zeitung 1851 von den Publizisten Henry Raymond und George Jones als seriöse konservative Alternative zu den vielen reißerischen Tagesblättern, die es damals in der Stadt gab. 1896 übernahm der Publizist Adolph Ochs - dessen Vater aus dem fränkischen Fürth in die USA ausgewandert war - die Zeitung, und etablierte sie als "New York Times" und "Newspaper of Record", als Standards setzendes Leitmedium mit gründlicher, umfassender und alles Wichtige abdeckender Berichterstattung.
Heute gehört die Zeitung der New York Times Company, einer Aktiengesellschaft, die zu Teilen immer noch von Nachfahren von Ochs kontrolliert wird. Herausgeber ist derzeit A.G. Sulzberger, Chefredakteur Joseph Kahn. Insgesamt hat das Unternehmen rund 6000 Mitarbeiter, davon etwa 2000 Journalisten - Schätzungen zufolge fünf Prozent aller in den USA beschäftigten.
Reaktion auf die jüngste Krise Ende der 2000er: Alles auf Digital
Es waren auch schon deutlich weniger - und das ist noch gar nicht so lange her. Viele Turbulenzen hat die in den USA oft als "Gray Lady" (auf Deutsch etwa Graue Dame) bezeichnete Zeitung in ihrer Geschichte schon überstanden, zuletzt rund um die Finanzkrise von 2008 und dem starken Rückgang der Print-Werbeeinnahmen. Die Macher reagierten und setzten schon vergleichsweise früh sehr auf das Digitale: Seit 2011 kommt man zu den meisten Online-Inhalten der "New York Times" nur noch gegen Bezahlung, alle Inhalte erscheinen dort zuerst. Um die journalistischen Kerninhalte wird seit Jahren ein ganzes Netz gesponnen: Kochen und Rezepte, Einkaufsberatung und Produkttestung, Sport mit vielen Daten und Analysen und Spiele - vom Kreuzworträtsel über das auch in Deutschland sehr beliebte «Wordle»-Wortspiel - bis hin zu sehr erfolgreichen Podcasts wie "The Daily", den inzwischen rund siebenmal mehr Menschen jeden Tag hören als die Print-Ausgabe lesen.
Mehr als 13 Millionen Abonnenten
Das Digital-Abo bietet all das als Paket - und die Zahl der Abonnenten weltweit steigt seit Jahren auf inzwischen mehr als 13 Millionen, was dazu beiträgt, dass das Unternehmen wieder Gewinne einfahren kann. Keine andere US-Zeitung kann bei diesen Zahlen mithalten. Kritik an den Angeboten rund um Kochen oder Spiele weisen die Zeitungsmacher zurück. "Die große Mehrheit des wirtschaftlichen Werts der ,New York Times' kommt heute und morgen und immer von News", sagte Geschäftsführerin Meredith Kopit Levien jüngst bei einer Diskussionsveranstaltung an der Columbia-Universität in New York.
Geburtstagsfeiern das ganze Jahr über - in schwierigen Zeiten
Den 175. Geburtstag feiert die "New York Times" das ganze Jahr über mit speziellen Sonder-Veröffentlichungen und Leser-Angeboten. Unbeschwert sind die Feiern aber nicht, dafür sind die Herausforderungen zu groß. Kritik kommt von allen Seiten - die Konservativen finden die Zeitung zu links, die Progressiven zu normalisierend im Hinblick auf Vertreter extrem rechter Ansichten - und von ganz oben: US-Präsident Donald Trump, der die kritische Presse insgesamt offen ablehnt, hat die Zeitung schon mehrfach beschimpft und als "Feind des Volkes" bezeichnet. Trotz allem aber gibt er der "New York Times" manchmal Interviews - und scheint an der Meinung der Zeitung, mit der er in der Millionenmetropole aufwuchs, über ihn und seine Politik sehr interessiert zu sein.