Atomtests im Pazifik: Wie «zum Wohle der Menschheit» riesige Löcher in Inseln gerissen wurden
Pro Artikel
Atombombentests auf abgelegenen Atollen haben Spuren hinterlassen – sichtbare und unsichtbare. Die Folgen spüren die Inselbewohner bis heute.
20.09.2026, 05.30 Uhr
3 Leseminuten
Zwei grosse Löcher, kreisrund, je etwas über 100 Meter im Durchmesser. Eines leuchtet tiefblau, wie es nur ein tropisches Meer kann. Das andere, auf einer kleinen Insel gelegen, scheint mit Betonplatten gedeckt.
Optimieren Sie Ihre Browsereinstellungen
NZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.
Bitte passen Sie die Einstellungen an.
Was ist da zu sehen, weit draussen in der Unendlichkeit des Pazifiks? Ist es der private Tauchplatz eines Multimilliardärs, der sich daneben einen riesigen Helikopterlandeplatz bauen liess? Oder ist es der Eingang zur Unterseebasis eines «James Bond»-Bösewichts, der dort den Weltuntergang überstehen will, den er selber verursacht hat?
Endzeitphantasien sind nicht abwegig, wenn es um die Erklärung für diese beiden Löcher im Riff des Enewetak-Atolls geht. Sie zeugen davon, dass viele der abgelegenen Inseln im Südpazifik bei weitem nicht so unberührt sind, wie sie auf den ersten Blick scheinen. Denn beide Löcher wurden von Atombomben erzeugt.

Die Detonation der «Ivy Mike»-Wasserstoffbombe im Jahr 1952 liess eine ganze Insel des Enewetak-Atolls verschwinden.
Zwischen 1946 und 1958 führten die USA auf den Marshallinseln, zu denen Enewetak gehört, Dutzende oberirdische Atombombentests durch. Der blaue, mit Wasser gefüllte Krater entstand 1956. Zwei Jahre später erfolgte dann die Explosion auf der kleinen Insel Runit. Beide Bomben waren mit 18 und 40 Kilotonnen Sprengkraft relativ schwach – und dennoch stärker als die Atombombe, die auf Hiroshima fiel.
Was grössere Atomwaffen verursachen, sieht man ganz im Norden des Enewetak-Atolls: Dort gibt es zwei weitere Krater, die sich teilweise überlappen. Der grössere hat einen Durchmesser von eineinhalb Kilometern. Er entstand im November 1952 beim Test von «Ivy Mike», der ersten Explosion einer Wasserstoffbombe. Sie war 700-mal so stark wie die Hiroshima-Bombe. Die Detonation vernichtete die Insel, auf der der Test stattfand. Stattdessen klafft an dieser Stelle ein riesiges Loch im Riff.
Die rund 150 Marshaller, die auf Enewetak lebten, wurden vor Beginn der Testserie auf ein zuvor unbewohntes Atoll verfrachtet. Der christlichen Bevölkerung war weisgemacht worden, dass ihre Evakuation zum Wohle der gesamten Menschheit nötig sei: Dank Atombomben würde es künftig keine Kriege mehr geben. Wie lange sie wegbleiben müssten, wurde den Menschen nicht gesagt. Die Explosion am Boden führte dann dazu, dass riesige Mengen an Korallen pulverisiert wurden und radioaktiv verseucht über grosse Gebiete niedergingen.
Die Marshallinseln wurden damals von den USA verwaltet. Sie dienten so als praktisches Testgelände weit weg von der eigenen Bevölkerung. Auch andere Kolonialmächte nutzten den Südpazifik für Atomtests: die Briten in Kiribati, die Franzosen in Französisch-Polynesien.
Die wachsende Besorgnis über die Auswirkungen von Atomtests auf Natur und Menschen führte zuerst zu einem Moratorium und 1963 zu einem Abkommen zwischen den USA, Grossbritannien und der Sowjetunion. Es verbot Tests in der Luft, unter Wasser und im Weltraum. Erst der umfassende Teststoppvertrag von 1996 verbot dann auch unterirdische Atomtests.
Das Ende der Tests bedeutete aber noch lange nicht, dass die vertriebenen Einwohner von Enewetak auf ihre Inseln zurückkehren konnten. Ihre Atolle waren so stark kontaminiert, dass ein gesundes Leben dort nicht mehr möglich war. Das Uno-Mandat, unter dem die USA bis 1986 die Marshallinseln verwalteten, verpflichtete Washington, die Inseln auf ihre Unabhängigkeit vorzubereiten.
Ende der 1970er Jahre kommandierte das amerikanische Militär darum 4000 Soldaten und Arbeiter nach Enewetak ab. Sie trugen die oberste, am stärksten verseuchte Erdschicht ab. Die Soldaten fanden und detonierten auch 16 000 Blindgänger aus dem Zweiten Weltkrieg, als die USA das Atoll in einer kurzen, aber blutigen Schlacht von den Japanern eroberten.
Alles wurde in den Krater gekippt, der durch den Atombombentest von 1956 entstanden war. Ein eineinhalb Meter dicker Betondeckel sollte das strahlende Material für immer aus der Welt schaffen. Dieser steinerne Sarkophag heisst Runit Dome.
Heute leben wieder etwa 300 Personen im südöstlichen Teil des Enewetak-Atolls, 15 bis 20 Kilometer von der Atommüllkippe entfernt. Die Insel Runit mit ihren zwei Löchern bleibt unbewohnbar.
Passend zum Artikel


