Iran-Krieg erschöpft die USA: Könnte China jetzt Taiwan angreifen?
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Das US-Militär braucht seine Arsenale im Iran-Krieg auf. Daraus ergibt sich für Chinas Staatsführung eine historische Chance. Wird sie Peking nutzen?
Vor dem Besuch von Xi Jinping nächste Woche in Washington wirkt die Supermacht USA angeschlagen. Berichte über das Fehlen von Munition und Kapazitäten schockieren vor allem auch die amerikanischen Verbündeten in Asien. Sie müssen sich allein für den Ernstfall wappnen.
Fabian Kretschmer20.09.2026, 05.30 Uhr
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Mitglieder der Volksbefreiungsarmee marschieren bei einer Militärparade in Peking.
Tingshu Wang / Reuters
Nur wenige Tage vor Xi Jinpings Besuch in Washington bleiben viele Fragen um das bedeutende Gipfeltreffen ungeklärt. Fest steht jedoch: Donald Trump wird seinem chinesischen Gast einen betont herzlichen, bisweilen unterwürfigen Empfang bereiten. Und Xi wird bei seinem Auftritt vor Selbstbewusstsein kaum laufen können.
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Xis Zuversicht ist keineswegs aufgesetzt. Trump 2.0 war für die chinesische Staatsführung bisher ein historischer Glücksfall. Der Polterer im Weissen Haus hat nicht nur seine traditionellen Alliierten mit Beleidigungen, Strafzöllen und Drohungen vor den Kopf gestossen. Er hat auch mit dem Iran-Krieg einen Konflikt angezettelt, der sowohl die Waffenarsenale des US-Militärs auszehrt als auch dessen Ruf als mächtigste Armee der Welt schwer beschädigt.
Obwohl sich die USA schon länger strategisch Richtung Asien orientieren wollten, mit dem Ziel, die Macht Chinas einzudämmen, gelang der «pivot to Asia» nicht. Die Kriege in Afghanistan und im Irak verhinderten das, und nun tut es auch Trumps vom Zaun gebrochener Krieg mit Iran.
Das überparteiliche Haushaltsbüro des US-Kongresses teilte jüngst mit, dass der Iran-Krieg den amerikanischen Steuerzahler während der ersten sechs Monate bereits 38 Milliarden Dollar gekostet habe. Dass Verteidigungsminister Pete Hegseth vor kurzem sogar Deutschland darum bat, die USA bei der Rüstungsproduktion zu unterstützen, wirkt geradezu verzweifelt. Die «Washington Post» urteilte in einem Leitartikel, dass sich die USA derzeit einen weiteren grossen Krieg nicht leisten können: «Was aber, wenn es trotzdem dazu kommt?»
«Sie haben Trump im Griff»
«All diese Sorgen sind berechtigt», sagt Daniel Kritenbrink von dem Beratungsunternehmen Asia Group. «Das Selbstvertrauen Chinas ist derzeit extrem gross. Meine chinesischen Gesprächspartner glauben, dass sie Trump ziemlich gut im Griff haben», sagt der ehemalige amerikanische Botschafter. Könnte Xi diese historische Chance für sich ausnutzen? «Das könnte passieren. Bisher habe ich allerdings keine dramatische Veränderung im Verhalten Chinas festgestellt.»
Noch reicht es China, passiv von der derzeitigen Lage zu profitieren: Je stärker Trump gegen Alliierte poltert und je länger er keinen Ausweg aus dem Konflikt mit Iran findet, desto staatsmännischer und verantwortungsvoller wirkt sein Widersacher Xi Jinping.
Vielleicht wird Chinas Staatsführung aber bald auch schon zur Tat schreiten. Das schlimmstmögliche Szenario wäre eine Eskalation in der Taiwanstrasse. Sollte China die demokratisch regierte Insel einzunehmen versuchen und die USA in den Krieg eingreifen, wären die Auswirkungen prekär. Die Finanznachrichtenagentur Bloomberg schätzt, dass zehn Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung vernichtet würden. Zwar sehen US-Geheimdienste derzeit keine unmittelbaren Angriffsvorbereitungen der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Doch mittelfristig dürften sich die Gefahren sehr wohl erhöhen.
Würde Xi diese hohen Kosten tatsächlich in Kauf nehmen? Wer mit Diplomaten in Peking oder Sicherheitsexperten in Washington über Xi Jinping spricht, bekommt fast einstimmig den Eindruck eines Mannes, der Geschichte schreiben will. Als Auserwählter möchte er die chinesische Nation zu alter Grösse führen, und im Zentrum von Xis Vision steht die Eroberung Taiwans. Schon sein Vater Xi Zhongxun träumte davon, scheiterte jedoch.
Der heute 73-Jährige hat bereits vor Jahren der Armee aufgetragen, bis 2027 bereit zu sein, Taiwan einzunehmen, wie der ehemalige CIA-Direktor William Burns öffentlich machte. Die militärische Aufrüstung treibt der Parteichef mit hohem Tempo voran. «Die Volksbefreiungsarmee hat in den vergangenen zwei Jahrzehnten einen bemerkenswerten Wandel durchlaufen», analysiert der ehemalige US-Marineoffizier Thomas Shugart, einer der führenden Beobachter der chinesischen Volksbefreiungsarmee. Vor fünfzehn Jahren habe das US-Militär noch über «überwältigende Vorteile» verfügt. Diese Gewissheit gebe es heute nicht mehr. China habe heute eine gute Chance, Taiwan erfolgreich einzunehmen, so glaubt er.
China verfügt mittlerweile über mehr als 130 Luftwaffenstützpunkte, die sich innerhalb von 1000 Seemeilen der Taiwanstrasse befinden, der Meerenge zwischen dem chinesischen Festland und der Insel Taiwan. Laut amerikanischen Schätzungen besitzt die Armee zudem etwa 600 Hyperschallwaffen, die wegen ihrer Geschwindigkeit und Manövrierfähigkeit besonders schwer von Radaren zu erfassen sind. Ebenfalls arbeitet China seit Jahren daran, flächendeckend zivile Fähren so umzurüsten, dass sie Schützenpanzer an Land bringen können – offensichtlich für einen amphibischen Angriff auf Taiwan. Shugart warnt deshalb davor, die Risiken des chinesischen Militärs zu unterschätzen.
Wie dringlich Xi seine Armee auf Vordermann bringen will, zeigt auch die beispiellose Säuberungswelle. Der Staatschef liess nicht nur zwei Verteidigungsminister kaltstellen, sondern tauschte auch Dutzende hochrangige Offiziere aus. Von der 2022 einberufenen Zentralen Militärkommission, die damals aus sechs Generälen bestand, ist mittlerweile nur mehr einer übrig.
Mobilisierung vereinfacht
Am 1. Oktober tritt in China zudem ein überarbeitetes Gesetz zur Mobilisierung in Kraft. Mit der neuen Regelung kann die Staatsführung rasch flächendeckend Zivilisten mobilisieren sowie Fabriken beschlagnahmen und zur Rüstungsproduktion zwingen. Auch ausländische Firmen müssen sich dem Gesetz fügen. Im Kriegsfall könnten damit auch Produktionskapazitäten ausländischer Firmen wie ABB, Siemens oder Volkswagen für die chinesische Kriegswirtschaft herangezogen werden.
Die USA hingegen wirken aus der Puste gekommen. Im August sagte Washington ein gemeinsames Militärmanöver mit südkoreanischen Truppen ab. Die Begründung für die Absage der Amerikaner löste in Südkorea und darüber hinaus Schockwellen aus: Das US Marine Corps teilte mit, dass man wegen des Iran-Kriegs derzeit nicht über genügend freie Streitkräfte verfüge.
Zeitgleich entstand auch auf hoher See eine besorgniserregende Lücke. Nachdem die USS «George Washington» aus Japan in Richtung Nahost verlegt worden war, gab es zeitweise keinen einzigen amerikanischen Flugzeugträger in Asien. Für Chinas Volksbefreiungsarmee wären solche Zeitfenster ideale Chancen, um etwa eine Seeblockade gegen Taiwan zu organisieren.
«Wenn China eine Invasion gegen Taiwan durchführt, könnte Nordkorea einen Angriff auf Südkorea starten», sagte Hideshi Tokuchi, ehemaliger Vizeverteidigungsminister Japans, kürzlich und brachte damit eine verbreitete Sorge zum Ausdruck.
In Südkorea möchte man sich deshalb nicht mehr blind auf seinen jahrzehntealten Verbündeten verlassen. Früher liessen die Präsidenten in Seoul keine Gelegenheit aus, um die «eiserne Allianz» zu loben, die bis in den Koreakrieg zurückreicht. Das ist nun anders. Der Staatschef Lee Jae Myung sagte schon im Juni, Südkorea wolle «Verantwortung für die eigene Verteidigung übernehmen, ohne sich dabei auf einen Verbündeten zu verlassen». Noch ist man vom selbsterklärten Ziel, die Verteidigungsausgaben auf 3,5 Prozent des Bruttoinlandprodukts anzuheben, allerdings noch deutlich entfernt – derzeit liegen sie bei 2,2 Prozent.
Die südkoreanische Öffentlichkeit ist schon weiter. Südkorea müsse seine eigene Atombombe entwickeln, forderten im August 65 Prozent der Befragten in einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup. Eine Umfrage des Seouler Asan Institute kommt gar auf Zustimmungswerte von rund 80 Prozent.
Auch in Japan sind die Zeichen der Zeit eindeutig. Ministerpräsidentin Sanae Takaichi lässt die heimische Rüstungsindustrie rasant ausbauen, hat zuvor auferlegte Beschränkungen für Waffenexporte aufgehoben und treibt eine Abkehr vom bisherigen Verfassungspazifismus des Landes an. Und in Taiwan haben die Streitkräfte erst vor wenigen Wochen die bisher grösste Militärübung absolviert. Dabei wurde zeitweise auch das mobile Internet auf der Insel abgeschaltet.
Der Rückzug der USA aus dem Indopazifik, die wachsende Allianz zwischen Peking, Moskau, Teheran und Pjongjang: Alles hängt zusammen. Daraus könnte eine Polykrise entstehen, die die globalen Machtverhältnisse nachhaltig verschieben würde.
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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