Firmen sind wie Pflanzen: Ohne Licht und Sauerstoff sterben sie – die Schweiz bietet beides
Firmen gedeihen nicht überall – die Schweiz bietet einen guten Boden
Um zu wachsen, brauchen Unternehmen die richtigen Bedingungen. Das erklärt Unterschiede zwischen Ländern – und den Erfolg der Schweiz.
Stefan Legge20.09.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Auch Firmen lassen sich umtopfen.
Getty
Unternehmen sind wie Pflanzen. Sie wachsen nicht überall, sondern nur dort, wo die Rahmenbedingungen stimmen. Der berühmte Kaffeegürtel etwa zieht sich über gut 5300 Kilometer rund um den Äquator. Nur dort finden Kaffeepflanzen ideale Bedingungen. Ausserhalb lässt sich das zwar künstlich nachstellen, aber das ist teuer. Und es braucht so oder so menschliches Fachwissen dazu, wie man die Pflanzen am besten anbaut.
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Was das mit Unternehmen zu tun hat? Auch Firmen gedeihen nicht im Vakuum – sie könnten es gar nicht. So wie Pflanzen Licht und Nährstoffe brauchen, sind Firmen auf Energie, Talente und Zulieferer angewiesen, die sie nicht selbst bereitstellen.
Und so wie manche Pflanze nicht überall gedeiht, sind bestimmte Industrien nur in bestimmten Ländern wirklich erfolgreich. IT-Firmen beispielsweise entwickeln sich in den USA viel besser als in Deutschland. Die grössten amerikanischen Techkonzerne sind heute rund fünfzehnmal so viel wert wie SAP, Europas wertvollster Softwarekonzern.
Der Vorteil des kleinen Heimmarktes
Die transatlantische Kluft hat einen Grund: Die beiden Regionen bieten grundverschiedene Bedingungen. Hochinnovative IT-Firmen und disruptive Innovationen brauchen Risikokapital, flexible Arbeitsmärkte und verfügbare IT-Talente. Das findet sich in Deutschland in weit geringerem Mass. Man setzt auf Stabilität, im Job und bei der Geldanlage. Das schafft ein Umfeld, das kontinuierliche Verbesserungen begünstigt – die Stärke von Autoindustrie, Maschinenbau und Mittelstand.
Länder sind somit auf unterschiedliche Weise erfolgreich – und arbeiten am besten zusammen. Entstehen in den USA neue Rechenzentren, liefern oft europäische Firmen wie Siemens, Schneider Electric oder ABB die ingenieursintensive Elektrotechnik. Aus europäischer Sicht leider nicht der lukrativste Teil.
Die Schweiz kombiniert Vorteile beider Ansätze: einen ausgeprägten Aktienmarkt und ein bankbasiertes Spar- und Kreditwesen, einen liberalen Arbeitsmarkt und langfristige Anstellungen, globale Börsenkonzerne und jahrhundertealte Familienunternehmen. Wie das geht? Durch kluge Wirtschaftspolitik und einige glückliche Gegebenheiten. Weder Bund noch Kantone waren je stark genug, um Industrien mit Subventionen künstlich am Leben zu erhalten – die Landwirtschaft ausgenommen. Der Heimmarkt war zu klein, also mussten sich hiesige Firmen früh im Ausland behaupten. Und grosse Verwerfungen wie Kriege oder Hyperinflation blieben aus – also wuchs ein ausgeprägtes Vertrauen in Eigentum und den Kapitalmarkt.
Der Schweizer Nährboden bringt aber nicht alles zum Blühen – schon gar nicht dauerhaft. Die Textilindustrie war einst das Rückgrat der Ostschweizer Wirtschaft. Der Erste Weltkrieg, ein Modewandel und ausländische Konkurrenz beendeten diese Ära. Ein Grossteil der Branche verschwand. Das muss kein Problem sein, denn wo eine Pflanze nicht mehr gedeiht, macht sie Platz für eine andere. Genau das ist der Vorteil eines Landes, das seine Industrien nicht mit Subventionen konserviert, sondern das Beet neu bestellt.
In der modernen Wirtschaft kommt es vor allem auf die Talente an – die Gärtner in unserer Metapher. Das hat die Schweiz früh erkannt: Seit Generationen besitzt sie ein gutes Bildungssystem und holt zudem ausländische Talente ins Land. Uhren- und Chemieindustrie gehen wesentlich auf Zuwanderer aus Frankreich zurück. Heinrich Nestle kam aus Deutschland und gründete einen Weltkonzern. Nicolas Hayek wuchs in Beirut auf und schuf die Swatch Group. Solche Konzerne stellen hierzulande jeden dritten Arbeitsplatz, zahlen die Hälfte der Unternehmenssteuern und tragen drei Viertel zum Wachstum bei.
Viele Firmen ziehen ins Ausland
Man sieht heute die Ernte und vergisst leicht, dass niemand diese Setzlinge damals als künftige Weltkonzerne erkannte. Junge Pflanzen aber brauchen besondere Pflege. An Ideen und Jungfirmen mangelt es der Schweiz auch heute nicht – doch nicht alle finden hier das beste Umfeld, um gross zu werden. Es fehlen bisweilen Risikokapital und Möglichkeiten zur Skalierung. Mancher Weltmarktführer von morgen zieht daher ins Ausland.
Eine Pflanze kann zwar nicht weglaufen, aber man kann sie umtopfen. Eine Firma ebenfalls. Im globalen Wettbewerb bewerben sich längst nicht mehr die Unternehmen um die besten Standorte – die Standorte bewerben sich um die Unternehmen. Das ist gerade für die Schweiz wichtig, denn hier blühen Firmen, die andere gerne hätten. Die Pharmabranche zeigt es: Wenn Washington mit Zöllen droht, wandern Investitionen ab. Doch Umtopfen will überlegt sein – wie Pflanzen haben Firmen Wurzeln, die man nicht achtlos kappt.
Die Schweiz hat ihren Nährboden über Generationen gut bestellt. Kluge Gärtner ruhen sich jedoch nie auf der letzten Ernte aus. Wir sollten unseren wirtschaftlichen Nährboden ebenso pflegen wie den biologischen. Denn am Ende gilt für Volkswirtschaften wie für Gärten: Man erntet, was man sät.
Stefan Legge ist Titularprofessor, Direktor des MBA-Programms sowie des Instituts für Law & Economics der Universität St. Gallen (HSG).
Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»
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