Anahita Thoms: Komplexität lässt sich auflösen


Anahita Thoms | Mein Wendepunkt: „Vor mir lag, das war mir sofort klar, eine Mammutaufgabe“

Als junge Anwältin erhielt Anahita Thoms einen schier unlösbaren Auftrag. Und lernte dabei, wie sie bis heute an komplexe Aufgaben herangeht.

Anahita Thoms 2015 in New York mit dem damaligen UN-Generalsekretär Ban Ki-moon und Sportfunktionär Willi Lemke. Foto: PRIVAT

Um mich herum war alles dunkel, ich dachte nach. Es war schon Nacht. Ich saß an meinem Schreibtisch im 56. Stock meines New Yorker Büros der Kanzlei Freshfields und blickte hinunter in die Straßenschlucht. Das war im Jahr 2014, ich war damals 33 Jahre alt. Erst vor Kurzem war ich aus Berlin in die USA gezogen. Vor mir lag, das war mir sofort klar, eine Mammutaufgabe. Es ging um Ermittlungen der US-Behörden gegen eine Mandantin, der vorgeworfen wurde, Kunden in vielen Ländern getäuscht zu haben.

Meine Aufgabe war es, die von den US-Behörden angeforderten Unterlagen aus 25 Ländern zu sammeln und detailliert zu prüfen, dabei die rechtlichen Vorgaben jedes einzelnen Staates einzuhalten, und den extrem kritischen Ermittlungsbehörden stichhaltige Antworten zu liefern. Der Fall war unüberschaubar und kam mir fast unlösbar vor. Die Datenschutzgrundverordnung gab es noch nicht. Ich fragte mich, wie sollte ich die komplexe Situation bewältigen? Und das in sechs Wochen?
Die Mandantin war für die Kanzlei nicht nur sehr wichtig, sondern auch gefürchtet, weil sie als sehr anspruchsvoll galt und für ihre hohen Erwartungen bekannt war. Das erhöhte den Druck.

Die Behörden verlangten nun Unterlagen aus aller Welt, vorzugsweise ungeschwärzt. Doch die mussten erst so aufbereitet werden, dass wir sie datenschutzrechtlich sauber über die jeweiligen Ländergrenzen bekamen. Innerhalb weniger Wochen baute ich ein internationales Netzwerk von Anwälten aus all diesen Ländern auf, verteilte Zuständigkeiten und entwickelte einen Prozess, der die unterschiedlichen rechtlichen Anforderungen zusammenführte. Täglich wurden Hunderte Mails ausgetauscht, intern mit unserem Investigativteam ebenso wie mit der Mandantin und den Behörden.

Es gelang, bei den US-Beamten Vertrauen aufzubauen, weil ich ihnen immer wieder erklärte, warum wir wo Namen schwärzen mussten. Am Ende waren die US-Behörden zufrieden und damit auch unsere Mandantin. Seitdem weiß ich, dass sich Komplexität – egal wie unüberschaubar eine Aufgabe wirken mag – auflösen lässt.

Anahita Thoms ist Deutschlandchefin der US-Kanzlei Baker McKenzie. Foto: PR

In unserer Artikelreihe erzählen Menschen aus der Wirtschaftswelt über einen entscheidenden Wendepunkt in ihrem Leben. Hier finden Sie alle Beiträge der Serie „Und dann änderte sich alles ...“

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