Proben für die Epidemie


Ebola-Trainingszentrum

Bevor sie in die Demokratische Republik Kongo reisen, üben sie in Kenia den Ernstfall: In einem eigens errichteten Simulationszentrum bereitet die Hilfsorganisation Ärzte ohne Grenzen (MSF) Einsatzkräfte auf den am schnellsten wachsenden Ebola-Ausbruch der Geschichte vor.

Online seit heute, 6.00 Uhr

Ein riesiges weißes Zelt, umgeben von orangefarbenen Zäunen – wer das Trainingsgelände ein wenig außerhalb der kenianischen Hauptstadt Nairobi betritt, könnte meinen, er stehe vor einem echten Ebola-Behandlungszentrum. Die Zäune bilden Schleusen, durch die im Ernstfall Verdachtsfälle und Personal getrennt voneinander eintreten würden. Innen hat jeder Patient einen komplett abgetrennten Bereich – eine eigene Dusche, eine eigene Toilette. Alles ist voneinander isoliert, jeder Weg ist vorgegeben.

Es ist aber kein echtes Behandlungszentrum. Kein einziger Patient wird hier behandelt, kein Verdachtsfall isoliert. „Es ist wirklich ein Trockentrainingszentrum", sagt Laura Leyser, die internationale Generalsekretärin von Ärzte ohne Grenzen im Gespräch mit ORF Wissen.

Theorie und Praxis

Das Zentrum ist das zweite Ebola-Simulationszentrum von Ärzte ohne Grenzen weltweit – nach einem ähnlichen in Brüssel. Viermal pro Woche finden hier Workshops statt, parallel auf Englisch und Französisch. Der erste von zwei Tagen ist dabei sehr theorielastig: Wie ist ein Ebola-Behandlungszentrum aufgebaut? Warum darf man nur bestimmte Eingänge benutzen? Wie geht man mit Patientinnen und Patienten um, ohne sich selbst zu gefährden?

Am zweiten Tag geht es zur Praxis. Im Mittelpunkt steht dabei eine Tätigkeit, die zwar trivial klingt, aber überaus wichtig ist: das An- und Ausziehen der Schutzausrüstung. Denn bei Ebola kann ein einziger Fehler – etwa eine unbedachte Berührung des kontaminierten Außenmaterials – zur eigenen Ansteckung führen.

Ärzte ohne Grenzen – Ebola-Simulationszentrum bei Nairobi
Beim An- und Ausziehen des Schutzanzuges muss jeder Handgriff sitzen

Und auch das Arbeiten im Anzug muss gelernt sein. „In diesem Schutzanzug ist es dann sehr, sehr heiß und stickig. Das ist so belastend für den Körper, dass die Einsatzkräfte nur kurze Zeit darin arbeiten dürfen – das heißt, dass jeder Einsatz minutiös vorgeplant sein muss“, erklärt Leyser, die das Simulationszentrum erst vergangene Woche selbst besucht hat.

Training für den Einsatz

Das erklärt auch, warum Ärzte ohne Grenzen aktuell über 1.400 Mitarbeitende im Kongo im Einsatz hat – denn das System der Schutzmaßnahmen erfordert eine konstante Rotation der Menschen im Schutzanzug.

Ausgebildet werden im Simulationszentrum neben MSF-eigenem Personal zunehmend auch Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Gesundheitsbehörden und anderen Hilfsorganisationen aus der Region – etwa aus dem Südsudan oder Uganda. Wer die Ausbildung bei Nairobi abschließt, reist in den meisten Fällen direkt danach weiter in den Kongo.

Ärzte ohne Grenzen – Ebola-Simulationszentrum bei Nairobi
Im Zentrum bei Nairobi werden alle Abläufe wie im Ernstfall geprobt

Schnellste Ausbreitung jemals

Die dortige Ebola-Situation unterscheidet sich in mehrfacher Hinsicht von früheren. Seit dem offiziellen Ausbruchsbeginn am 15. Mai 2026 wurden 1.926 Fälle laborbestätigt, 702 Menschen starben – 318 gelten als genesen. Gesundheitsfachleuten zufolge stiegen die Fallzahlen bei keinem früheren Ebola-Ausbruch so schnell an. Martin Grobusch, Tropenmediziner an der Universität Amsterdam, rechnet etwa damit, dass der Ausbruch noch bis ins kommende Jahr andauern könnte, wie er der Deutschen Presseagentur mitteilte.

Virus ohne Gegenmittel

Der entscheidende Unterschied zu früheren Ausbrüchen liegt im Erreger selbst: Der aktuelle Ausbruch wird durch das sogenannte Bundibugyo-Ebolavirus verursacht – eine seltene Variante, gegen die es bis heute weder einen zugelassenen Impfstoff noch eine spezifische Therapie gibt. Die monoklonalen Antikörper, die etwa beim letzten Ausbruch 2018 bis 2020 erfolgreich eingesetzt wurden, wirken gegen Bundibugyo nicht. Die Behandlung beschränkt sich momentan daher auf das Lindern von Symptomen: Flüssigkeits- und Sauerstoffzufuhr sowie Fiebersenkung.

Seit Anfang Juli laufen im Kongo aber klinische Studien mit dem monoklonalen Antikörper MBP134 und dem antiviralen Medikament Remdesivir. Mit einer Kombination dieser beiden Präparate wurde bereits ein US-Arzt behandelt, der im Mai im Kongo infiziert und danach auf die Sonderisolierstation der Berliner Charité ausgeflogen worden war – nach zwischenzeitlich lebensbedrohlichem Zustand erholte er sich. Konkrete Studienergebnisse zu den neuen Therapien werden aber erst frühestens in einigen Monaten erwartet.

Ärzte ohne Grenzen – Ebola-Simulationszentrum bei Nairobi
Mehr als 1.400 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Ärzte ohne Grenzen sind mittlerweile im Einsatz

Ansteckungsgefahr bei Begräbnissen

Ebola überträgt sich ausschließlich über direkten Kontakt mit Körperflüssigkeiten – Blut, Schweiß, Speichel, Erbrochenes, Stuhl. Es ist nicht über die Luft übertragbar, kann aber hohes Fieber, Erbrechen und schwere innere Blutungen verursachen. Besonders tückisch: Auch Verstorbene sind noch hochansteckend. Traditionelle Begräbnisrituale, bei denen Angehörige den Leichnam berühren oder waschen, haben in der Vergangenheit immer wieder zu Ausbrüchen innerhalb ganzer Dorfgemeinschaften geführt. Mehrfach wurden im aktuellen Ausbruch außerdem Behandlungszentren angegriffen, um die Herausgabe verstorbener Patientinnen und Patienten zu erzwingen.

Ärzte ohne Grenzen hat seine Behandlungszentren im Kongo inzwischen deshalb auch so umgebaut, dass Angehörige Erkrankte durch durchsichtige Plastikplanen besuchen können – und dass Familien bei Todesfällen zusehen können, dass würdevoll mit dem Leichnam umgegangen wird.

Mehr als medizinische Ausbildung

Die betroffenen Provinzen im Nordosten des Landes gehören zudem zu den am stärksten von bewaffneten Konflikten geprägten Regionen der Welt. „Ein ohnehin schon schwaches und überlastetes Gesundheitssystem wird zusätzlich gefordert. Es gibt nach wie vor Bereiche, wo einfach ein aktiver Konflikt ist – das heißt, auch der Zugang der Menschen zur Gesundheitsversorgung ist sehr, sehr schwierig", so Leyser. Viele Erkrankte kommen gar nicht oder erst sehr spät in Behandlung. Dazu fehlen flächendeckende Schnelltests. „Wir wissen nicht einmal genau, wie viele Ebola-Erkrankungen es gibt", sagt Leyser. Die Dunkelziffer dürfte erheblich sein.

Das Trainingszentrum in Nairobi bereitet seine Teilnehmerinnen und Teilnehmer deshalb nicht nur auf medizinische Abläufe vor, sondern auch auf den sozialen Kontext – auf das Misstrauen, auf die Begräbniskonflikte und auch auf die Frage, wie man in einem Kriegsgebiet Vertrauen aufbaut.